Ein Glaube, der leise seine Wunder tut
Shownotes
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Morgenandacht im Deutschlandfunk
Pfarrer Stephan Krebs
aus Langen (Hessen)
Glaube, der leise seine Wunder tut 04.12.2025
Schon in jungen Jahren hatte er eine Abneigung gegen fromme Floskeln. Aber zugleich ahnte er: Hinter ihnen verbirgt sich etwas wirklich Wichtiges. Das wollte er ergrnden. Auf seine Art: mit Versen. Denn er war Dichter, einer der bekanntesten im deutschen Sprachraum. Ich spreche von Rainer Maria Rilke. Heute vor 150 Jahren erblickte er das Licht der Welt, am 4. Dezember 1875. Hineingeboren wurde er in eine Zeit voller Durcheinander. Kriege drohten und kamen. Die Arbeit wurde industriell. Die Stdte wurden gro und anonym. Der Himmel dster vom Rauch aus den Schloten.
All das hat Rilke intensiv miterlebt und mitgemacht. Er fhrte ein unstetes Leben mit vielen Liebschaften und wenigen Ruhephasen. Ein Freigeist, befreundet mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche und anderen kritischen Denkern seiner Zeit. Sie erkundeten auf neuen Wegen das Leben und auch Gott.
ber Gott dachte Rilke grer und weiter, als es in den christlichen Kirchen damals blich war. Aber natrlich waren ihm die christlichen Bilder von Gott vertraut. Dazu zhlt der nahbare Gott, der menschgewordene. Gott, der sich im Mitmenschen zeigt und praktische Nchstenliebe einfordert. Darauf macht sich Rilke seinen eigenen Reim. Diesen:
Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen stre,
so ist's, weil ich dich selten atmen hre
und wei: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.
Rilke stellt hier Gott als einen Herrn da, der wohl alleinstehend ist. Ein Nachbar kmmert sich um ihn, macht sich Sorgen: Ob Gott alleine zurechtkommt? Rilke stellt hier ganz selbstbewusst die christliche Logik auf den Kopf. Gott erscheint nicht als der groe Kmmerer fr die Menschen. Gott braucht selber Frsorge. Der Mensch hat das Heft des Handelns in der Hand - Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins in Rilkes Zeit. Da schwingt viel Ironie mit. Dennoch hre ich auch ein Loblied auf die Nchstenliebe, auf die Diakonie, die christliche Haltung des gegenseitigen Kmmerns.
Doch Rilke interessiert sich nicht nur fr die sozialen Aspekte des christlichen Glaubens. Er begibt sich auch in dessen geistliche Tiefe. Das ist hchst anspruchsvoll. Denn dort kommt man sogar als begabter Poet an seine Grenzen. Man ringt um Worte, die das Geheimnis des Glaubens zumindest erahnen lassen.
Fr Glaubende ist der Himmel nicht nur Tag-blau oder Nacht-schwarz. Sie erahnen im Himmel vielmehr etwas von der Unendlichkeit Gottes. Fr Glaubende ist eine winterliche Landschaft nicht nur von einer weien Schneedecke berzogen. Sie erkennen darin eine flchtige Traumwelt voller Unschuld, Reinheit und Sehnsucht. Dafr findet der Dichter Rilke diese Worte:
Es gibt so wunderweie Nchte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brchte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.
So nhert sich Rilke nicht nur dem Zauber der langen Winternchte an. Sondern auch dem Geheimnis des Weihnachtsglaubens. Winter und Weihnachten beide setzen fr Rilke ein Zeichen der Hoffnung: Die Welt mge doch das Zeug dazu haben, einfach schn zu sein oder zumindest zu werden. Die Menschen mgen sich doch darauf besinnen, dass ihr Wesenskern die Liebe ist. Diese Hoffnung gehrt auch fr mich zu dem Glauben, der leise seine Wunder tut.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)
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