Letzte und erste Tage
Shownotes
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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur
Pfarrerin Sabrina Fabian
aus Berlin
Letzte und erste Tage 08.12.2025
Auf der Wochenbettstation im Krankenhaus wird schnell klar: Zeit ist hier zerbrechlich. Wenn eine frisch gewordene Familie aus dem Kreisaal kommt, ist viel zu tun. Jeder Handgriff ist neu fr das Paar mit seinem ersten Kind: Windeln wechseln, stillen, pumpen, das Neugeborene bewundern, die ersten Laute analysieren und herausfinden, warum es schreit. Die Zeit fliegt zwischen all den ersten Malen, der Erschpfung von der Geburt, dem Glck ber das Neugeborene.
Auf der Wochenbettstation sind die meisten schnell unterwegs: Schauen schnell, ob das Stillen klappt, und haben rasch ein Hilfsmittel geholt. Sie bringen zgig eine Tablette, stellen in Hochgeschwindigkeit ihre Fragen.
Fr Ruhe, Schlaf und Essen bleiben wenig Mglichkeiten. Tage und Nchte verschwimmen und so stapeln sich die Tabletts mit Mahlzeiten im Familienzimmer. Pltzlich steht die Entlassung an.
Die Zimmertr geht schon zum dritten Mal auf. Ein Krankenhausmitarbeiter schaut herein: Eigentlich msste er das Zimmer reinigen fr die nchste Familie. Die junge Mutter mit ihrem Kind, die eigentlich schon drauen sein will, wird nervs, denn alles dauert. Ihr eineinhalb Tage alter Sohn nuckelt an der Brust. Sie muss sich noch anziehen. Im Zimmer liegen ihre Sachen noch verteilt und ihr Mann ist immer noch unterwegs.
Sie entschuldigt sich beim Krankenhausmitarbeiter. Aber der winkt verstndnisvoll ab: Kein Problem. Endlich hlt jemand die Zeit in diesem Zimmer an. Er bringt Ruhe in dieses kleine junge Chaos.
Ach ja?, fragt die Mutter berrascht und erleichtert.
Er kenne das doch. Dann mache er das Zimmer eben in der nchsten Runde.
Wo nehmen Sie diese Ruhe her?, fragt die Mutter weiter.
Er sei so gerne umgeben von jungen Familien und kleinen sen Neugeborenen. Er habe vorher auf der Palliativstation gearbeitet. Er sei lieber am Anfang als am Ende des Lebens dabei. Dieser Mann kennt die Extreme des Lebens. Die ersten und die letzten Tage von Menschen. Und er wei, wie fragil das Leben am Anfang und am Ende ist und wie zerbrechlich die Zeit in solchen Momenten.
Momente, in denen klar wird, dass unsere Zeit nicht uns gehrt. Ein Satz, der zu den ersten und den letzten Tagen passt, steht in der Bibel im Psalm 31. Darin betet jemand zu Gott: Meine Zeit steht in deinen Hnden. Auch hier ist Zeit etwas Zerbrechliches: Gott hlt die Zeit wie ein kleines Vgelchen in seinen Hnden. Wir borgen sie oder lassen uns von ihr umgeben. Und sie, die Zeit, fliegt zwischen unserem Geborenwerden und Sterben, zwischen unseren ersten und letzten Tagen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)
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