Bühne für Gefühle

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/wort-zum-tage/15450/buehne-fuer-gefuehle

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Pfarrerin Sabrina Fabian

aus Berlin

Bhne fr Gefhle 11.12.2025

Gesprche, die ich als Pfarrerin vor Beerdigungen fhre, sind so vielfltig wie Menschen selbst. Bei manchen braucht es Zeit, bis die Angehrigen ihre Gefhle mit mir teilen. Bei anderen geht es gleich zur Sache: Das mit der Demenz, das war richtig scheie, sagt ein Schwiegersohn und entschuldigt sich sofort. Sprechen Sie ruhig aus, wie es fr Sie war, sage ich. Ich hre zu. Manche Gefhle brauchen Publikum. Und erst wenn sie auf der Bhne stehen, knnen sie gefhlt werden.

Wut, Enttuschung und Frust gehren dazu. Diese Gefhle werden bermchtig, wenn wir sie unterdrcken. Irgendwann platzen sie dann heraus, hufig im unpassendsten Augenblick. Dabei drfen wir sie rauslassen. Es gibt keinen Grund, sie zu verstecken. Eine Erlaubnis dafr lese ich im Alten Testament. Da steht die Erzhlung von Hiob, der von einem Schicksalsschlag nach dem anderen getroffen wurde. Hiob ist erschttert, wtend, frustriert.

Hiob klagt. Er hadert mit Gott und lsst seine Verzweiflung heraus gegenber den Freunden, die ihn besuchen. Diese Freunde sind gekommen, um Hiob beizustehen. Erst erweisen sie Hiob einen echten Freundschaftsdienst: Sie schweigen mit ihm sieben Tage und sieben Nchte lang.

Aber danach ist ihr Beistand nicht das, was Hiob braucht. Denn sie versuchen all das, was Hiob widerfahren ist, einzuordnen, auszudeuten, zu erklren.

Dabei gibt es nichts in der Welt, was Hiob erklren knnte, warum seine Kinder gestorben sind. Warum er all seinen Besitz verloren hat und krank geworden ist. Nichts scheint das zu rechtfertigen.

Hiob bleibt nur das Seufzen. Er nutzt die Chance, dass seine Freunde da sind. Er klagt: Auch heut bleib ich beim Widerspruch, das ist der ganze Inhalt meiner Klage. Und seufze ich, liegt es an Gottes Hand, die mich noch immer niederdrckt. (Hiob 23,2) Hiob fasst sein Leid in poetische Worte, aber sagt im Grunde dasselbe wie der Schwiegersohn im Beerdigungsgesprch: Das war richtig scheie!

Nichts kann Hiob vom Klagen abbringen: Doch die Finsternis reicht nicht aus, um mich zum Schweigen zu bringen. Auch wenn vor mir alles im Dunkeln liegt, hlt mich das nicht zurck. (Hiob 23,17)

Gegen alle Widerstnde beschreibt Hiob, was er aushalten muss. Und das dauert so lange, wie es eben dauert. Mit groem Selbstbewusstsein setzt sich Hiob gegen seine Freunde durch, die sein Leid wegerklren wollen.

Darum bestrke ich den Schwiegersohn im Beerdigungsgesprch: Lassen Sie alles raus. Klagen und fluchen Sie. Hier ist der Ort dafr, ich bin das Publikum fr den Auftritt Ihrer Gefhle. Wenn sie auftreten durften, dann wird es vielleicht, hoffentlich leichter, mit ihnen zu leben.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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