Glaubst du so richtig oder tust du nur so?

Shownotes

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Morgenandacht im Deutschlandfunk

Pastor Frank Mhring

aus Bremen

Glaubst du so richtig oder tust du nur so? 16.12.2025

Vor ein paar Jahren in Haifa hatte ich ein intensives Gesprch mit einem Juden. Die Begegnung mit diesem alten Mann habe ich bis heute nicht vergessen. Kurt hie er, damals 94 Jahre alt, gebrtiger Wiener. Kurt musste im Jahr 1938 aus Wien vor der Gewalt der Nationalsozialisten flchten und ging in das Gebiet des heutigen Israel.

Nun bin ich viele Jahre danach mit einer Gruppe Bremer Brgerinnen und Brger nach Israel gekommen. An einem Mittwoch steht auf unserem Programm: Besuch mit berlebenden des Krieges im Seniorenheim.

Wir steigen aus dem Bus. Ein lterer Mann heit uns willkommen im Wiener Dialekt: Da schau her, die Deutschen kommen. Wie schn! Er hlt uns die Tr auf und bittet uns herein in den Saal. Kurt und ich sitzen zufllig nebeneinander im Stuhlkreis. Er blitzt mich mit seinen wasserblauen Augen an. Na, woher aus Deutschland kommt ihr? Ich antworte: Aus Norddeutschland, Bremen. Kurt lchelt mich an: Aus unserer Partnerstadt, wie schn. Ich nehme an, dann sind wir wohl Partner, oder?

Kurt fragt uns weiter aus. Was seid ihr denn eigentlich? Christen? Juden? Die meisten meiner Mitreisenden drucksen herum. Ich bin Christ, gebe ich mich zu erkennen. Kurt lsst nicht locker und forscht weiter: Na und - glaubst du so richtig oder tust du nur so? Ich lasse durchblicken: Von Beruf bin ich Pastor. Das reicht ihm nicht. Katholisch oder evangelisch? Evangelisch, antworte ich. Dann bist du nicht mein Freund, brummte der alte Herr und schttelte mit dem Kopf. Luther, Bismarck die sind doch Antisemiten gewesen. Die waren nicht gut zu uns Juden.

Whrend er noch redet, wird der alte Herr immer lebendiger. Er fragt uns weiter aus: Was ist fr euch Christen heute das wichtigste Gebot? Ich will gerade das erste Gebot zitieren: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Gtter haben neben mir. Da gibt Kurt schon selbst eine andere Richtung vor. Er verkndet mit lauter Stimme: Meine Lieben, das wichtigste Gebot im Leben ist: Beeilt euch zu leben! Nun ja, ich bin 94 Jahre alt.

Am Ende dieser Begegnung ldt Kurt unsere Bremer Gruppe noch zu sich in sein eigenes Appartement ein. Das hat er noch nie gemacht, flstert die Heimleiterin uns leise zu. In seinem schnen Wohnzimmer zeigt Kurt uns ein Bild. Ein Familienbild. Da sieht man den kleinen Mann inmitten der Schar seiner Kinder und Kindeskinder. Seine drei Shne, seine drei Schwiegertchter und 14 grogewachsene Enkelkinder um ihn herum in der ersten Reihe. Kurts Stimme wird leiser: Wisst ihr, dass ich vor diesem Bild jeden Morgen bete? Wir schauen ihn irritiert an. Was soll das? Beten vor einem Familienbild? Der Jude Kurt bekennt: Jaja, genau hier bete ich. Und ich bete jeden Tag: Danke, Adonaj, ich habe Hitler besiegt. Wir stehen schweigend still.

So nahe wie in diesem Gesprch bin ich zuvor noch niemandem gekommen, der die Shoa, den Holocaust berlebt hat. Zwischen uns ist eine Nhe entstanden. Ich wnsche mir mehr von solchen Gesprchen. Begegnungen offen und direkt , bei denen man sagt, was man ablehnt, und sich gegenseitig Respekt zollt. Wo man einander ehrlich fragen kann: Wer bist du, was glaubst du? Betest du eigentlich zu Gott?

Der Leipziger Mnch und Priester Andreas Knapp hat gedichtet:

glauben Sie

so wurde ich gefragt

an den lebendigen Gott

und ich antwortete

ich lebe davon

dass Gott an mich glaubt

und was halten Sie

von Jesus Christus

und ich antwortete

ich baue darauf

dass er mich hlt

und was denken Sie

vom Heiligen Geist

und ich antwortete

dass er uns beide tief verbindet

mehr als wir denken knnen.

Es gilt das gesprochene Wort.

(Andreas Knapp, Tiefer als das Meer, Gedicht zum Glauben, Wrzburg 2005, S. 68)

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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