Der freundliche Blick in den Spiegel

Shownotes

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Morgenandacht im Deutschlandfunk

Pastor Frank Mhring

aus Bremen

Der freundliche Blick in den Spiegel 17.12.2025

Sie trgt einen anderen Namen, ich nenne sie hier Jennifer. 36 Jahre alt, blonder Kurzhaarschnitt, eine sportliche Erscheinung. Mit federnden Schritten kommt sie herein in die Sprechstunde. Sie wirkt selbstsicher und nicht wie jemand, die eine zentnerschwere Last drckt. Jennifer fragt, ob ich einen Moment Zeit habe. Wir reden ein bisschen, dann kommt sie zum Punkt. Ihr Problem ist: Es fllt ihr immer schwerer, regelmig zu essen. Jennifer sagt: Ich glaube, es ist das, womit viele junge Mdchen kmpfen mssen.

Es fngt an in ihrer Sportgruppe, wo alle Teilnehmenden sehr bewusst auf ihre Ernhrung achten. Jennifer ist begeistert und macht mit. Bald werden ihr die Hosen zu weit. Ich habe mich hbsch gefhlt und irgendwie wertvoller, erinnert sie sich. Das Abnehmen fllt ihr zunchst nicht schwer. Dann will sie mehr. Jennifer sagt im Rckblick: Ich war stolz, etwas gut kontrollieren zu knnen. Wenigstens mein Gewicht, das hatte ich voll im Griff. Der Rest des Lebens luft leider oft an mir vorbei.

Bald ist sie mitten in einem Sog, der nach unten fhrt. Nun magert sie sprbar und bald auch sichtbar ab. Freundinnen tuscheln, dass etwas mit ihr nicht stimmen kann. Wenn Jennifer der Heihunger berkommt, bricht sie ihre strengen Regeln und verschlingt die leckeren, verbotenen Sachen. Es beginnt ein Doppelleben: Nach auen hin bleibt sie erfolgreich und begehrenswert. Aber wenn sie in den Spiegel schaut, findet sie sich selbst falsch und verkehrt in ihrer Haut.

Ich fing an, mein Spiegelbild zu hassen, erzhlt Jennifer. Spiegel sind fr mich sowieso doof. Ich vermeide es hineinzuschauen. Die zeigen immer das, was ich nicht ausstehen kann. Jennifer geht es nicht gut. Man sprt ihren groen Hunger nach einem anderen Leben.

Jennifer zgert, bevor sie etwas bekennt. Dann hab ich etwas gemacht, was ich zuvor noch nie getan habe. Ich habe gebetet: Hey Gott! Ich bins, die Jennifer. Du kennst mich doch. Hilf mir bitte, mich selbst zu lieben.

Dann reden wir ber das, was sie sich wnscht von Gott. Sie bekennt: Ich mchte morgens in den Spiegel schauen und nicht wegschauen. Ich erzhle ihr, dass mir dazu der Apostel Paulus einfllt, der einmal geschrieben hat: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel nur ein dunkles Bild. Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Am Ende unseres Gesprchs frage ich Jennifer, ob wir noch einmal so etwas Seltsames tun sollen, was sie sonst nicht macht: Beten. Jennifer schluckt und faltet langsam die Hnde. Es dauert, bis ich die passenden Worte finde. Gemeinsam beten wir ein Stck aus Psalm 139. Verse, in denen es heit: Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.

Wochen spter treffe ich Jennifer wieder. Zur Sprechstunde kommt sie nicht mehr. Aber sie erzhlt: Beten, das mache ich jetzt hufiger. Es hilft mir, mich besser zu fhlen. Es stimmt schon, kein Spiegel kann zeigen, wer ich in Wahrheit bin. Das kann nur Gott in mir drin.

Gott sieht dich, wie du bist. Du bist sein geliebter Mensch. Hier und da mit ein paar Ecken und Kanten, dort vielleicht ein paar Kilos zu viel. Aber wunderbar vom Scheitel bis zur Sohle bist du. Danke, lieber Gott, dass du uns Menschen allesamt gemacht hast. Und bitte, lass Menschen es spren, dass sie sich im Spiegel genauso freundlich anschauen knnen, wie du sie siehst.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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