Prophetisches Perfekt

Shownotes

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Gedanken zur Woche im Deutschlandfunk

Pfarrerin Angela Rinn

aus Mainz

Prophetisches Perfekt 19.12.2025

Etwas so ankndigen, als wre es bereits geschehen. Eine Zukunft so beschreiben, als wre sie schon da. Perfectum propheticum heit das in der theologischen Fachsprache. Das prophetische Perfekt. Eine Besonderheit der hebrischen Sprache. Propheten sprechen in der Vergangenheitsform, wenn sie Ereignisse in der Zukunft ankndigen. Zum Beispiel der Prophet Jesaja: Uns ist ein Kind geboren () und er heit Friede-Frst. Dann ist das so, als ob das Kind, dessen Geburt erst aussteht, schon auf der Welt ist. Und der Friede auch. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen in eigentmlicher Weise zusammen.

Das perfectum propheticum ist wie ein Siegelring Gottes. Gottes Verheiung prgt sich in die Gegenwart ein. Und das hat Auswirkungen auf die Zukunft. Bei Jesaja steht: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein groes Licht. Du weckst lauten Jubel, du machst gro die Freude. Denn jeder Stiefel, der mit Gedrhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Das Prophetenbuch Jesaja hat eine lange Entstehungsgeschichte. Sie ist eng verwoben mit vielen Kriegserfahrungen der Menschen. Von den brutalen Angriffen der Assyrer ber die Zerstrung Jerusalems und die Verschleppung ins babylonische Exil. Ein blutiger Schrecken reiht sich an den nchsten. Die Menschen, die das Jesajabuch aufgezeichnet haben, sind nicht naiv. Sie wissen, wovon die Rede ist, wenn sie von Finsternis reden. Die ist mit allen Sinnen erfahrbar! Der Soldatenmantel stinkt nach dem Blut der Erschlagenen und dem Schwei der Soldaten. In den Ohren schallt das Drhnen der Stiefel.

Diese schreckliche Wirklichkeit gibt es bis heute: Stiefel, die mit Gedrhn dahergehen. Mntel, die durch das Blut unschuldiger Menschen geschleift werden. Letzten Sonntag, am anderen Ende der Welt, ein Attentat auf Jdinnen und Juden am Strand von Sydney.

Ein Kind ist uns geboren. Er heit Friede-Frst. Ich sehne mich so nach Frieden. Mit vielen Menschen auf der ganzen Welt. Und zweifle zugleich. Wie aussichtsreich sind Friedensverhandlungen? Welche Halbwertszeit haben Bilder der Einigkeit unter den Mchtigen, die ber das Schicksal ganzer Lnder verhandeln? Wird es jemals so sein, dass Jdinnen und Juden sicher und in Frieden leben knnen und es keinen Antisemitismus mehr in Kpfen und Herzen gibt? Wie oft mssen Menschen zittern um das Wenige, was sie besitzen und um das nackte Leben? In welcher Welt wird meine Enkelin aufwachsen?

Propheten reden im Perfekt: Uns ist ein Kind geboren Und er heit Friede-Frst.

Perfectum propheticum meint nicht: Verschlie die Augen vor der Realitt, dann wird das schon. Perfektum propheticum sagt: Sieh klar hin. Da ist Licht. Es leuchtet in die Gegenwart hinein, trotz allem Schrecken.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein groes Licht, denn uns ist ein Kind geboren! Gerade in dieser Adventszeit des Jahres 2025 merke ich, was fr eine Kraft das fr mich entfalten kann, wie es mein Herz trstet, in all diesem zum Himmel schreienden Jammer. Und in meiner Angst.

Jesaja verheit und rckt es in die Gegenwart: Du weckst lauten Jubel, du machst gro die Freude. Ich schaue auf unsere menschlichen Wege zur Freude: gemeisterte Herausforderungen, beglckende Gemeinschaft. Sie helfen mir zu begreifen und lassen ahnen, wie es aussieht, wenn die Prophezeiung des Friedens wirkt.

Freude wchst aus der Erfahrung und der Hoffnung, dass es anderes gibt als die Macht des Bsen. Es ist zum Jubeln, dieses kostbare lichtvolle Geschenk des Lebens! Gegen alle Wahrscheinlichkeiten, gegen jeden Augenschein, gegen die Macht des Faktischen und die Gewalt der Ruchlosen gilt das prophetische Perfekt: Das Licht hat ber die Finsternis gesiegt. Ein Kind ist uns geboren. Allen Dunkelheiten zum Trotz.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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