Sucht mich!
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15547/sucht-mich
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Morgenandacht im Deutschlandfunk
Pfarrer Tim Jochen Kahlen
aus Heusweiler
Sucht mich! 14.01.2026
Die Jahreslosung ist ein Bibelwort, das zwlf Monate lang zum Denken anregt. Manchmal wird daraus ein dreiviertel Leben.
Ich erinnere mich an ein Bild aus meiner Kindheit. Fnf Menschen kauern dicht gedrngt auf einem Gerst. Sie schauen mit groen Augen in den Himmel. Der Mond steht tief. Ein riesiges Fernglas in ihren Hnden erzhlt von ihrer Sehnsucht nach Gott. Sie schauen ber die Dcher der Stadt. Am Ende der Nacht hoffen sie auf einen neuen Morgen.
In Erwartung heit der Holzschnitt, den der Knstler Walter Habdank vor 50 Jahren schuf. Es wurde das Bild zur Jahreslosung 1978. Die hie: Gott spricht: Sucht mich, so werdet ihr leben. Das stammt aus dem Buch des Propheten Amos.
Ich war damals zehn Jahre alt und beide, Bild und Losung, hingen als Poster in unserem Treppenhaus. Vom Wort suchen war ich berhrt.
Ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen. Zu uns kamen viele Menschen, die so wirkten, als htten sie Gott gefunden. Sie redeten, als wssten sie, wer und wie Gott ist. Ich war ein Kind und wusste nicht einmal, ob fr mich berhaupt ein Gott sein kann.
Aber dem Kind sagte Gott: Das ist nicht schlimm. In der Suche liegt das Leben. Die Gott schon gefunden haben wollen, haben vielleicht zu frh aufgehrt zu suchen. Ja, zu frh aufgehrt zu leben? Suche ist Leben. Ohne diesen Trost htte ich zehn Jahre spter wohl kaum Theologie studiert.
Doch da fesselte mich lngst das Wort nach dem Suchen: Suchet mich, so werdet ihr leben. Wer ist dieses mich? Welches Bild von Gott malt der Prophet Amos?
In dessen Worten klagt Gott an: den Reichtum, den Filz und die Selbstgerechtigkeit der Mchtigen seiner Zeit. Amos listet ihre Verbrechen auf: Sie beugen das Recht, sie bestechen, sie betreiben Prostitution und vieles mehr. Hasst das Bse und liebt das Gute!, sagt Gott. Sucht mich und nicht euch selbst. So werdet ihr leben. Ich habe in den Wendejahren unter anderem auch in Brandenburg gewohnt. Da habe ich beides erlebt: die ernsthafte Suche nach Gerechtigkeit und Recht, aber auch Geschftemacherei und Egoismus.
Suchet mich, so werdet ihr leben. Leben - das letzte Wort der Jahreslosung von 1978 begegnete mir in meinen 40ern. Und auch noch einmal das Bild von Walter Habdank. Das mit dem tief stehenden Mond, den Menschen im Gerst und mit ihrem Fernglas. Kalt ist der Morgenwind da oben. Alles drngt sich aneinander. Sie klemmen sich in die Streben, blicken in den Nachthimmel. Was lsst uns als Christen leben?
Diese Frage traf auch die Kirchengemeinde, in der ich vor zehn Jahren Pfarrer war, als die Mittel schwanden. Wir haben einen Gottesdienst gefeiert unter dem Motto: Ausblick 2030. Mit einem Fernglas in der Hand trauten sich manche Gemeindeglieder nach vorne zum Altar. Was sehe ich in der Zukunft? Und da geschah es: Sie blickten nicht auf das marode Gemeindehaus, sie fragten nicht, ob die Kirche zu halten sei. Sondern sie sprachen von ihren Kindern, die 2030 hoffentlich junge Eltern sein wrden. Wie knnen wir vom offenen Himmel erzhlen, so, dass unsere Kinder es einst noch weitersagen mgen?
Wurden sie Propheten fr den Augenblick? Wer wei! Leben hie pltzlich nicht mehr, sich einzurichten, sondern miteinander unterwegs zu bleiben. Und sie sagten einander die Worte aus dem Prophetenbuch Amos zu: Ja, wir werden leben.
2030 ist nun nicht mehr weit. Ich frage nach dem Anfang der alten Jahreslosung: Gott spricht. Spricht Gott? Vielleicht nicht so klar wie einst zu Amos. Und doch ahne ich ihn zwischen den Zeilen zu hren durch meine Jahre hindurch: Such weiter, denn das ist dein Leben.
Jahreslosungen sind Bibelworte, die wollen zwlf Monate lang zum Denken anregen. Manchmal wird daraus ein ganzes Leben.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)
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