Bilder, die lügen

Shownotes

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Morgenandacht im Deutschlandfunk

Pfarrer Tim Jochen Kahlen

aus Heusweiler

Bilder, die lgen 15.01.2026

Plinius der ltere war ein rmischer Gelehrter. Er erzhlt vom Wettstreit zwischen zwei Malern. Beide wollten der grte Knstler ihrer Zeit sein.

Der erste malte Weintrauben so realistisch, dass Vgel angeflogen kamen, um sie zu picken. Danach sollte der zweite sein Bild zeigen. Der deutete auf einen Vorhang. Sein Konkurrent wollte den Vorhang beiseiteschieben und das Bild dahinter sehen. Aber das ging nicht. Der Vorhang selbst war das gemalte Bild. So musste der erste Maler den Sieg seines Gegners anerkennen.

2000 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen gestaltet knstliche Intelligenz Fotos und Videos so realistisch, dass bereits ein Wettbewerb stattfand, um die beste Software zum Schutz von Bilddaten zu kren. Es ging darum, wie Computer erkennen knnen, dass Bilder lgen. Die Augen des Menschen spielten dabei keine Rolle mehr.

Was aber darf ich ohne technische Hilfe noch glauben in einer Welt, die auf das Sehen baut wie auf keinen anderen Sinn? Wem traue ich, wenn jede und jeder mit wenigen Klicks erschaffen kann, was der Anschein sein soll? In diesem Wettstreit kmpft der siegreiche Maler millionenfach gegen sich selbst, bis hinter allen Vorhngen die Welt verschwindet, in der es einmal einen echten Vorhang gab.

Der rmische Gelehrte Plinius konnte sich ber den Sieg der Kunst noch freuen. Ich mache mir Sorgen.

Und ich hoffe auf ein Versprechen, das nur scheinbar nichts mit KI zu tun hat. Der Apostel Paulus will es erkannt haben. Paulus lebte fast zur selben Zeit wie Plinius. Und Paulus sagt: Ich werde sehen!

Ich werde sehen!, das war eine Hoffnung fr die Zukunft. Doch sie lie Paulus auch schon seine Zeit mit anderen Augen schauen. Die Kunst der beiden Maler htte er als Stckwerk abgetan.

Aber der Reihe nach: In einem seiner Briefe hebt Paulus die Liebe ber alle Tugenden und Gaben. Denn erst die Liebe erfllt alles mit Sinn: alle Erkenntnis, allen Glauben, alle Selbstlosigkeit. Berhmt ist die Formulierung des Paulus Wenn ich alle Erkenntnis htte und allen Glauben und htte der Liebe nicht, so wre ich nichts.

Whrend alle guten Taten, Knste und alles Wissen vergehen werden, bleibt die Liebe. Paulus beschreibt die Liebe als Wert in allen Handlungen. Aber fr ihn ist sie auch ein Weg des Erkennens. Paulus schreibt: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stckweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (1. Korinther 13,12)

Sehen und lieben hngen fr Paulus also fest zusammen. Denn Sehen ist das Sehen eines Gegenbers. Erkennen ist Beziehung. Ich werde erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

Da geht es nicht allein um Optik. Die Liebe wird zum Schlssel, um das Wahre vom Fake zu unterscheiden. Weil Liebe den Taten Wert gibt, ist die Liebe in den Taten auch wiederzuerkennen. Das funktioniert wie ein untrgliches Wasserzeichen. Um es zu erkennen, braucht man aber nicht nur Augen, sondern alle Sinne, Verstand und Herz.

Ich wei nicht, ob Paulus bei dem Wettbewerb der Deep-Fake-Detektoren htte mitmachen drfen. Liebe ist kein Algorithmus. Paulus Schlssel liegt auf einer anderen Ebene. Dafr ist er kostenlos.

Je besser Deep-Fakes aus dem Computer werden. Je umfassender mich knstliche Universen unterhalten wollen. Je mehr die groe Illusion aus Nullen und Einsen mit meiner kleinen Welt verschmelzen will, desto mehr will ich mich mit allen meinen Sinnen orientieren. Vielleicht am wenigsten mit den Augen und am meisten mit dem Herzen, um die Beziehung zu durchschauen, die mir jemand anbietet.

Wie Paulus hoffe ich auf das Versprechen, einst zu sehen, wer hinter allen Vorhngen auf uns wartet. Plinius, der rmische Gelehrte konnte sich noch ber die perfekte Tuschung freuen. Ich denke, heute brauchen wir eher die Freude darber, wenn die Liebe Bilder erkennt, die nicht lgen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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