Heilige Neugier
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15549/heilige-neugier
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Morgenandacht im Deutschlandfunk
Pfarrer Tim Jochen Kahlen
aus Heusweiler
Heilige Neugier 17.01.2026
Der, die das! Wer, wie was? Die Sesamstrae gibt es seit ber 50 Jahren, und ich bin ein Fan der allerersten Stunde. Kurz nach meiner Einschulung beschwerte sich die Lehrerin bei meiner Mutter: Sie haben mit dem Jungen Lesen gebt! Doch das ABC hatte ich von Ernie und Bert. Der Rest kam ganz von selbst, aus Neugier.
Bis heute strkt die Sesamstrae Kinder in ihrem Wissensdurst. Und das wirkt ein Leben lang. Auch fr mich bleibt Neugier die schnste Form des Lernens. Fragen stellen ist erlaubt und wichtig. Verstandenes passt zu bekannten Dingen. Das Fremde bleibt hngen, wird vertraut und verndert Denken und Handeln. Offen bleiben fr Vernderungen, darum gehts. Gerade dann, wenn die eigene Vorschulzeit immer lnger zurckliegt.
Mein biblisches Paradebeispiel dafr heit Nikodemus. Nikodemus ist fr mich der groe Lernende aus dem Johannesevangelium. Die Bibel beschreibt ihn als einen Phariser und Obersten der Juden. Nikodemus ist also weder jung noch ungebildet. Und er verfgt ber eine gewisse Macht. Trotzdem sucht er den Kontakt zu Jesus. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt genau! Dumm bleiben will Nikodemus nicht.
Er nhert sich Jesus bei Nacht, wie es in der Bibel heit. Warum whlt er die Dunkelheit? Darf er seine Neugier auf den Wanderprediger nicht zeigen? Hat er Angst, mit Jesus gesehen zu werden? Wie auch immer. Sein Wunsch nach Licht im Dunkel seiner Fragen ist strker.
Rabbi, sagt Nikodemus, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. (Johannes 3,2)
Das ist zwar weniger eine Frage als eine Schmeichelei. Doch ber alles Anbiedern hinweg finden die beiden schnell ins Gesprch. Es geht um das Reich Gottes.
Fr Jesus sind die Dinge, die er sagt und tut, also das, was Nikodemus Zeichen nennt, Boten dieses Gottesreiches. Gottes Liebe soll einmal in allem sichtbar werden, was geschieht. Sie soll regieren. Auf dem Weg dahin verndert Gott die Welt auch heute schon. Wo Jesus auftaucht, ffnen sich Augen, kommen Herzen und Beine in Bewegung, hrt Ausgrenzung auf, hren Ohren wieder, beginnt neues Leben und wer arm ist, erlebt, dass Gott ihn sieht.
Wer aber, sagt Jesus zu Nikodemus, nicht von neuem geboren wird, wird dieses Reich Gottes nicht erleben.
Nikodemus hakt nach: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
Die Frage erscheint naiv. Will Nikodemus das Neu-geboren-Werden biologisch deuten? Aber Jesus nimmt seine Neugier ernst. Es geht beim Gottesreich um einen Neuanfang im Herzen. Es geht um Gemeinschaft und ums Lernen. Oder, wie Jesus sagt: geboren werden aus Wasser und Geist.
Nikodemus soll sich aufmachen und diese neue Wirklichkeit entdecken. Das ist wie ein neues Alphabet, dessen Buchstaben man am Anfang nicht kennt und bersieht. Erst nach und nach entschlsselt man das Leben neu. Man liest es als Geschichte, die Menschen einander erzhlen knnen, wo immer sie liebevoll mit ihresgleichen umgehen, also gutmtig und fair.
In diesem Moment verstummt Nikodemus. Jesus spricht weiter. Hat die Neugier Nikodemus verlassen? Nein!
Viel spter im Verlauf des Evangeliums taucht Nikodemus nmlich wieder auf und ergreift ffentlich Partei fr Jesus. Die nchtliche Begegnung wirkt. Und als Jesus schon gekreuzigt ist, soll es Nikodemus sein, der fr den Leichnam Salbl kauft. Da hat ihn das Reich Gottes schon lngst neu geboren.
In der Sesamstrae saen Ernie und Bert manchmal im Kino. Im dunklen Saal leuchtete dann ein grnes Schild, das ich nicht lesen konnte. Exit stand darauf. Exit, was soll das heien? Manche Dinge versteht man eben erst im Laufe des Lebens. Ich bleibe also neugierig auf den Ausgang der Geschichte. Im Leben wie beim Gottesreich.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)
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