Durchlässig bleiben
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15550/durchlaessig-bleiben
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Morgens beim Frhstck muss ich mich oft erst einmal an der Tischkante festhalten: Ich gehre - so wie alle, die Deutschlandfunk einschalten - zu den Menschen, die den Tag mit Nachrichten beginnen - noch whrend der Kaffee durchluft. Dann stehe ich barfu im Pyjama gedanklich bereits an der Grenze zu Venezuela und mit einem Fu auf Grnland und an der Grenze zum Iran. Ich sehe meine Stadt Berlin stromlos in Klte und Dunkelheit, sitze ungewaschen in einer Vorlesung zum Thema Vlkerrecht und bin Teilnehmerin an einer bung zum Brandschutz.
Auf mich prasseln dann Worte ein wie Feuer- und Eisregen: Flashover, Stromausfall, Angriffe, bergriffe, kritische Infrastruktur Das Meiste, was ich hre, ist erschreckend, traurig und verstrend. Und trotzdem bleibt das Radio an, denn es gehrt zu meinem Start in den Tag.
Ich mchte durchlssig bleiben fr das, was an anderen Orten los ist, jenseits meiner warmen Kaffee-Kchen-Pyjamawelt. Ich will wissen, was die Welt bewegt, auch wenn das die eigenen Energiereserven anzapft und mir der Mut sinkt. Ich mchte berhrbar bleiben.
Barmherzigkeit nennt das die Bibel: die Fhigkeit, nicht achtlos vorberzugehen an Not, die andere trifft. Das sagt sich leicht, und ich frage mich, ob Jesus wohl heute noch sein Gleichnis vom Barmherzigen Samariter so erzhlen wrde. Denn die Welt damals war noch eine andere, kleiner, berschaubar. Wobei: Erschtternde Nachrichten gab es schon damals nur weniger.
Ganz sicher wrde der Samariter im Jahr 2026 noch dem ersten Notleidenden helfen. Sptestens aber beim dritten wrde er vielleicht wegschauen. Er wrde diesen ganz besonderen Blick aufsetzen, den Menschen in meiner Stadt sich antrainieren, damit sie nicht wahnsinnig werden auf dem tglichen Weg vorbei an den vielen Notleidenden, verirrten und verzweifelten Seelen.
Der unberhrbare Blick geht so ich beherrsche ihn selber gut: Die Augen gehen schrg am anderen vorbei oder aus dem Fenster oder durch die andere hindurch. Sich schlafend stellen oder furchtbar in Eile geht auch. Oder eben Nachrichten ignorieren.
Jesus htte wohl ein Einsehen. Er selber zog sich manchmal zurck, wenn ihm alles zu viel wurde. Er konnte Menschen sogar abweisen. Doch diese Unberhrbarkeit wurde bei Jesus nie zur Lebenshaltung, sie blieb immer die Ausnahme. Seid wachsam Worte aus seinem Mund, die die Bibel oft zitiert. Kein Rckzug ins Private, kein dauerhaftes Abschalten oder Ausblenden, nein: Hinhren, Hinsehen, Ansprechen, Hingehen oft genug sogar Anfassen, Berhren, Sich-berhren-Lassen.
Damit das gut geht in diesen Zeiten, brauche ich Hilfe. Ich bitte darum an diesem Montagmorgen, wo Nachrichten doppelt hart auf Wochenendgefhl prallen. Um Durchlssigkeit bitte ich an diesem Morgen mit meinem Gebet:
Gott, gib mir die Gabe, gelassen zu bleiben und weiter auf Empfang.
Ich will die Augen nicht zumachen, meine Ohren nicht zustpseln, meine Hnde nicht in den Scho legen. Realitt ausblenden ist keine Option.
Aber ich will mich beschrnken nicht immer online, nicht immer durchlssig fr alles und alle. Manchmal lass mich bitte nur bei mir sein!
Schenk mir die Gabe der Unaufgeregtheit im Chaos. Dmpfe meine Emprung und Besserwisserei. Strke die Erkenntnis, dass auch ich nicht auf alles eine Antwort habe und erst recht nicht von allem eine Ahnung.
Die Wut auf andere kehre um ins Gebet, denn Frbitte und gute Gedanken kann jeder brauchen. Sie wirken mehr als Hass und Zorn, der mir selbst mehr schadet als ntzt.
Inmitten schlechter Nachrichten zeig mir, was ich habe, was Glck ist und Schnheit und Gnade in meinem Leben, was Segen ist in dieser Welt.
Strk in mir die Liebe und die Gabe, sie zu empfangen.
Strk meine Hnde, meine Gedanken, mein Hoffen.
Schenk Lebensenergie an diesem Morgen.
Lass mich prsent sein:
Was immer dein Reich baut auf Erden,
heute bin ich dabei.
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