Gott ist Gedächtnis

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15558/gott-ist-gedaechtnis

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Vor ein paar Jahren habe ich eine Frau beerdigt, die keine Angehrigen mehr hatte. Sie war 98 Jahre alt, als sie gestorben ist, eine Deutschbaltin, geboren 1904 im heutigen Estland. Sie lebte zuletzt in einem Altersheim in Nrnberg. Dort wusste man wenig ber ihr Leben. War sie verheiratet? Wie kam sie nach Deutschland? Was hat sie gearbeitet?

Niemand konnte mehr erzhlen, ob sie als Kind das Meer geliebt hat, ob sie ber die Dnen gesprungen und hinunter gerast ist zum Strand. Niemand konnte mehr erzhlen, ob man gut mit ihr lachen konnte, ob sie gerne Eis gegessen hat, ob die ersten Jahre in der Bundesrepublik schwer waren. Niemand konnte mir sagen: Das hat sie auch immer so gern gesungen! oder Du lchelst genauso wie sie!

Es war, als ob diese Frau nicht gelebt htte, denn es gab keine Erinnerungen an sie. Jedenfalls keine, die ich gehrt habe. Sie wurde in einem sogenannten Sozialgrab beerdigt, unter einer grnen Rasenflche mit einem einfachen Metallschild, das im Boden eingelassen ist: Name, Geburtsdatum, Sterbedatum.

Ich finde das traurig: Nicht mehr im Gedchtnis von jemandem sein. Vergessen. Spurlos. Ich frage mich: Bei wem werde ich im Gedchtnis bleiben, wenn ich mal nicht mehr bin? Wer wird an mich denken, so wie ich an meine Oma denke, die schon vor Jahren gestorben ist? Ich erinnere mich so gern an das, was sie mir erzhlt hat. Wie sie fr mich da war und mich liebevoll gedrckt hat.

Ich hoffe, dass sich mal jemand an mich erinnert. Dass ich gerne gewandert bin, allein schon wegen der Brotzeit mit Bier. Dass ich mir immer mehr Bcher gekauft habe, als ich lesen konnte, und dass ich ganz witzig war. Das hoffe ich.

Ob es der Frau aus dem Baltikum so gegangen ist? Ob sie sich in ihren letzten Jahren vergessen und unwichtig gefhlt hat? Bei ihrer Beerdigung habe ich einen Text des Propheten Jesaja gelesen:

Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen? Sie erbarmt sich doch ber ihr leibliches Kind. Selbst wenn sie es verge ich, Gott, vergesse dich nicht. Schau, in beide Handflchen habe ich dich gezeichnet. (Jesaja 49,15 Bibel in gerechter Sprache)

Das finde ich eine trstliche Vorstellung. Ich bin in Gottes Handflchen gezeichnet. Mit allem, was dazugehrt, was mich ausmacht. Mit meinen Vorlieben und Besonderheiten. Mit meinen Schwchen und dem, was ich gut kann. All das steht in Gottes Hnden.

Gott vergisst sein Volk nicht. Jede und jeder ist in seine Handflchen gezeichnet. Wir sind mit Gott verbunden im Leben und ber den Tod hinaus. Aus dieser biblischen Vorstellung hat die jdisch-christliche Tradition ein sehr trstliches Bild gemacht: Gott ist Gedchtnis.

Gott ist Gedchtnis und die Bibel ein Buch der Erinnerungen. Die Menschen erinnern sich an Gott, an das, was sie mit ihm erlebt haben. Und Gott erinnert sich an die Menschen, an seine Verbindung zu ihnen. Und damit Gott das nicht vergisst, kreiert er sich eigens dafr Gedchtnissttzen, die besser sind als ein Knoten im Taschentuch, besser als ein Foto im Portemonnaie. Gott zeichnet uns in seine beiden Handflchen. Mich und dich.

Gott ist Gedchtnis. Wenn mein Gedchtnis nicht mehr so will, wie es soll, dann bin ich nach wie vor aufgehoben in Gottes Gedchtnis. Und wenn sich niemand mehr an mich erinnern wird, bin ich auch dann dort sicher aufbewahrt. So wie viele vor mir und viele nach mir.

Bei der Beerdigung der alten Frau aus dem Baltikum haben der Friedhofsbedienstete und ich fr sie gebetet und sie bestattet. Gott vergisst dich nicht. In seine Handflchen bist du gezeichnet.

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