Über das Nicht-Tun
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15560/ueber-das-nicht-tun
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Fasten liegt im Trend. Ungefhr 35 Prozent der Menschen in Deutschland (1) verzichten ber mehrere Wochen auf etwas, zum Beispiel jetzt in der Fastenzeit. Oder haben es sich zumindest vorgenommen und schon in den ersten Tagen direkt vermasselt.
Am Donnerstag nach Aschermittwoch aus Versehen ein Schoko-Croissant gefrhstckt, dabei wollten sie doch auf Ses verzichten. Am Freitag aus Gewohnheit eine Schnitzelsemmel geholt, dabei wollten sie doch kein Fleisch essen. Am Samstag ihren Partner angeschrien, dabei wollten sie doch nicht laut werden. Und jetzt fhlt es sich so an, als wre die Sache damit eh gelaufen. Der erste Patzer ist schon passiert. Dann kann ichs ja direkt bleiben lassen.
Das Gehirn ist so gut darin, Ausreden zu erfinden. Fr Zucker, fr Alkohol, frs Ausschlafen, frs Serie Gucken und generell frs Mal-eine-Ausnahme-Machen.
Die gute Nachricht ist: Das macht berhaupt nichts! Denn: In der Fastenzeit geht es nicht darum, irgendetwas zu schaffen. Irgendetwas zu leisten. Eine Urkunde zu gewinnen, auf der steht, wie lang wer erfolgreich auf was auch immer verzichtet hat.
Fasten heit: Ich versuche, etwas nicht zu tun, das ich normalerweise ohne viel Nachdenken einfach tue. Nicht-Tun ist nicht so heldenhaft wie Tun. Meist merkt es niemand, was ich so alles nicht tue. Die nicht ausgesprochene Beleidigung, die nicht gekaufte Billig-Mode da gibts keinen Applaus und kein Oh und Ah. Nicht-Tun ist sauschwer, aber gedankt wirds einem nicht.
Das wei auch Jesus und sagt ein paar recht strenge Stze dazu, wie man richtig fastet:
Wenn ihr fastet, dann setzt keine Leidensmiene auf wie die Scheinheiligen. Sie machen ein saures Gesicht, damit alle Welt merkt, dass sie fasten. Wenn du fasten willst, dann wasche dein Gesicht und kmme dich, damit niemand es merkt als nur dein Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafr belohnen. (2)
Also: Wenn du fastest, dann sprich nicht die ganze Zeit darber, wie toll du auf was-nicht-alles verzichtest. Sondern lass das Fasten eine Sache zwischen dir und Gott sein. Denn Gott, die im Verborgenen ist, sieht auch dein Nicht-Tun.
Gott interessiert sich demnach herzlich wenig fr meine Nutella-Brtchen-Bilanz. Dafr aber um so mehr fr die Haltung, mit der ich durch die Fastenzeit laufe.
Fasten ist eine Art zu gehen. Ich gehe die gleichen Wege wie sonst auch jeden Tag, aber ich gehe sie anders. Muss an anderen Punkten als sonst stehen bleiben und berlegen, wie ich weitergehe. Muss mich auf Dinge konzentrieren, auf die ich sonst keinen Gedanken verwende. Es ist eine langsame, tastende Art zu gehen. Und whrend ich so versuchsweise meine Schritte setze, ausgebremst, langsamer als sonst, entsteht ein Fokus.
So, wie vor einer wichtigen Prfung. Da wird mein Fokus auch eng und ich konzentriere mich auf diese eine Sache: die anstehende Prfung.
Ganz hnlich fokussiere ich mich in der Fastenzeit auf eine Sache: meinen ganz normalen Alltag. Fasten zwingt mich, genau hinzusehen. Eine kleine Einschrnkung wie kein Zucker zwingt mich, aufmerksam zu bleiben mir selbst gegenber.
Es gibt andere Zeiten, in denen mein Kopf berall zugleich ist. In denen Platz ist fr Irres und Wirres und berflssiges. Faschingszeit, Geburtstag oder die Sommerzeit. Aber ich brauche auch die anderen Zeiten. Wo das Leben sich fokussiert. Fast spartanisch wird, diszipliniert. In denen ich meine Gedanken bndele, vertiefe und dann eine fokussierte Ruhe eintritt.
In dieser Ruhe ist viel Raum. Und manchmal kann ich im Fokus einer Fastenzeit zusehen, wie in diesem Raum etwas entsteht. Ganz ohne mein Zutun. Etwas Gutes, Heiles. Etwas, das nicht ich tue, sondern jemand, der auch das Verborgene sieht. Und dieser jemand meints gut mit mir.
Das alles bewirkt das Nicht-Tun. Oder, es zumindest versuchen.
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