Cut
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15562/morgenandacht
Transkript anzeigen
Cut: Eben noch 6.30 Uhr-Nachrichten, Krieg, Leid, Weltpolitik. Dann Cut: Das Wetter. Und Cut. Morgenandacht. Mitten rein in die laufende Morgenroutine in der Kche, im Bad, im Auto. Zwischen Warum sagt die Kaffeemaschine ausgerechnet jetzt: Abtropfschale leeren? und Warum fhrt denn der vor mir so langsam?!. Und Cut: Das Handy vibriert, eine Freundin schreibt.
Ziemlich viele Cuts. Ich bin noch gar nicht so richtig wach und bin schon zerrissen in hundert kleine Aufmerksamkeitsschnipsel.
Dazu gesellt sich leise noch ein anderes Gefhl. An der Oberflche ist es rger. rger ber mich selbst, dass ich meine Aufmerksamkeit so hin- und herreien lasse. Aber unter dem rger liegt etwas anderes: Ist es Scham? Ich schme mich, dass ich es offenbar einfach nicht schaffe, mich auf eine Sache nach der anderen zu konzentrieren. Stattdessen muss nur einmal die Trklingel, der Herd oder das Handy piepsen, und ich lasse mich sofort rausreien aus meinem Tun.
Manchmal macht rger ja produktiv. Dann gibt er mir genau diesen kleinen Energie-Kick, den ich brauche, um etwas anzupacken. Aber mit diesem verschmten rger auf mich selbst ist das nicht so. Er ist nicht motivierend, eher ermdend. Er lsst mich enttuscht seufzen: Ich bekomme es einfach nicht gebacken. Ich bin nicht strukturiert genug, nicht konzentriert genug.
Und mit jedem Mal, mit dem ich mir das sage, fhle ich mich noch ein bisschen unstrukturierter und zerrissener. Und je zerrissener ich mich fhle, desto weniger versuche ich berhaupt, meine Aufmerksamkeit zusammenzuhalten.
Aber es gibt etwas, das mir dabei hilft, mich zu sammeln. Jeden Tag um Punkt 12 Uhr passiert etwas, das mein Zerrissen-Werden zerreit. Etwas, das mein Stndig-Unterbrochen-Werden unterbricht.
Es lutet.
Ich wohne und arbeite direkt neben einer Kirche. Jeden Mittag um 12 Uhr lutet dort eine Glocke. Eine nur. Ein einzelner Ton. Zuverlssig um Punkt 12 jeden Tag fr etwa drei Minuten.
Der Effekt ist vergleichbar mit einer Lehrerin, die ein chaotisches Klassenzimmer betritt. Sie klatscht in die Hnde und hat daraufhin fr ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Fr ein paar Augenblicke schauen alle sie. Je nachdem, wie gut sie diese Aufmerksamkeit nutzt, kann sie sie halten oder verliert sie wieder.
Wenn die Mittagsglocke lutet, dann wirkt das bei mir so hnlich. Fr einen Augenblick sind alle meine zerrissenen Aufmerksamkeitsschnipsel bei der Glocke.
Ich realisiere, dass es 12 Uhr sein muss. Der Morgen ist rum, wei ich also. Er war zerrissen, er lsst sich auch nicht mehr kitten. Aber diese Glocke markiert einen mglichen Neustart. Der Mittag beginnt, und der knnte besser werden. Er ist noch unzerrissen. Noch ganz. Alles wr mglich! Die Glocke lutet weiter, ruhig, beharrlich.
Manchmal verliere ich die Aufmerksamkeit nach dieser Unterbrechung wieder. Ich schau dann kurz auf und werkel sofort wieder weiter. Aber an vielen Tagen schafft es die Mittagsglocke, meine Aufmerksamkeit zu halten. Das ist nichts, was ich selbst tue. Nichts, was ich schaffe. Das Luten erfordert keine Reaktion von mir. Es ist kein Wecker, kein Timer, kein Handyklingeln. Die Glocke lutet nicht wegen mir, aber doch irgendwie fr mich.
Und ihr Ton verweist auf etwas auerhalb von mir selbst. Die Schallwellen breiten sich aus in die Stadt und in meine Wohnung und in den Himmel. Und meine Konzentration folgt ihnen. Oben in der Luft schwebt der Ton und mit ihm meine Aufmerksamkeit. Irgendwie ber allem. So ein Ton ist nicht in den Kommentarspalten auf Social Media zu finden und auch nicht im Mailpostfach. Er versackt nicht im Klein-Klein. So ein Glockenton steht da drber, schwebt in der Luft, auf halbem Weg zu dem, von dem ich glaube: Er hlt alles Zerrissene zusammen.
Nicht wegen uns. Aber fr uns.
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