Im Zweifel glauben

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15563/im-zweifel-glauben

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In Torgau kam einmal eine () Frau zu [Martin Luther] und sagte: Ach, lieber Herr Doktor, ich kann von dem Gedanken nicht loskommen, ich sei verloren und knne nicht selig werden, denn ich kann nicht glauben. Darauf [er]: Glaubt Ihr denn, liebe Frau, dass wahr ist, was Ihr in Eurem Glaubensbekenntnis betet? Da antwortete sie mit gefalteten Hnden: O, das glaube ich, das ist ganz sicher wahr! Darauf [Luther]: Gut, gut, liebe Frau, da geht hin in Gottes Namen! Ihr glaubt mehr und besser als ich! (1)

So steht es in einer Tischrede von Martin Luther. Ihr glaubt mehr und besser als ich! Ein Versuch, die Frau aufzumuntern? Oder macht er sich lustig ber sie? Weder noch. Luther ist ehrlich. Martin Luther, der Bibelbersetzer und Auslser der Reformation, kennt den Zweifel: Glaube ich genug? Glaube ich richtig? Glaube ich berhaupt?

Und gerade weil er den Zweifel kennt, kann Luther sagen:

Der Teufel macht den Leuten solche Gedanken, indem er spricht: Nur zu, du musst besser glauben! Du musst mehr glauben. Dein Glaube ist nicht sehr stark, auch nicht genug. Auf diese Weise treibt er sie zur Verzweiflung. (1)

Vielleicht gibt es Menschen, die diese Zweifel nicht kennen. Weil sie so stabil glauben. Oder aber, weil sie gar nicht glauben. Klar, wer nicht glaubt, hat auch keine Zweifel, ob er oder sie genug glaubt. Wer aber glaubt, kennt vermutlich Gedanken wie diese: Glaube ich genug? Trgt mich mein Glaube, wenns drauf ankommt? Glaube ich berhaupt?

Glaube ist wie ein Schiff auf unruhigen Wassern. Da wankt permanent der Boden.

Viel lieber wrs mir, mein Glaube wr kein wankendes Schiff, sondern ein erdbebensicheres Haus. Egal, was mein Leben erschttert, mein Glaube steht fest. Ich werde krank? Ich bin trotzdem sicher: Gott behtet mich. Meine Eltern sterben? Ich bin vllig sicher, sie sind jetzt bei Gott. Ja, schn wrs Auch dazu sagt Luther etwas:

[] [Wir sind] von Natur aus veranlagt, gern einen Glauben haben zu wollen, der uns absichert. Wir wollten ihn gern mit Hnden greifen und in die Hemdtasche stecken. Aber das geschieht in diesem Leben nicht. Wir knnen ihn nicht fassen, wir sollen uns aber danach richten. [] (1)

Ich kenne beides: Das Gefhl der Frau, verloren zu sein, keinen Glauben zu haben. Und das Bedrfnis nach einem Glauben, den ich in die Hemdtasche stecken kann. Quadratisch, praktisch, gut.

Ich stelle mir vor, die Frau in Torgau war von Luthers Antwort noch nicht ganz berzeugt. Also geht sie ins Kloster. Denn, denkt sie sich, wenn ichs da nicht schaffe zu glauben, dann nirgends. Sie betet mit den Nonnen, singt, liest in der Bibel. Tag fr Tag. Woche fr Woche. Aber es stellt sich kein krasser Moment ein. Kein Licht erleuchtet sie, keine Taube kommt von der Kirchendecke herab, kein Feuer, kein Wind, kein Wunder.

Nach ein paar Wochen geht sie zur btissin und bittet um Hilfe: Ich bin hergekommen, sagt sie, weil ich unbedingt glauben will. Aber jetzt bin ich seit Wochen hier und es ist noch gar nichts passiert. Die btissin nickt bedchtig und fragt dann: Sie sind also hergekommen, weil Sie berzeugt sind, dass Sie hier den Glauben an Gott finden knnen? Sie glauben, Sie knnen hier beginnen, auf Gottes Verheiung zu vertrauen und auf Gottes Wort zu lauschen? Ja, sagt die Frau, sonst wr ich ja nicht hier. Die btissin lchelt und antwortet: Dann irren Sie sich gewaltig. Sie haben lngst Glauben. Es ist Ihr Glaube, der Sie hergebracht hat.

Nur weil ich meinen Glauben manchmal nicht wahrnehmen kann, heit das nicht, dass er nicht da ist. Gut mglich, dass ich einfach nur eine falsche Vorstellung von dem habe, wonach ich suche. Gut mglich, dass ich Ausschau halte nach einem quadratisch-praktisch-guten Glaubensformat in meiner Hemdtasche und dabei gar nicht merke: Ein wankendes Schiff hat schon lngst mit mir den Hafen verlassen.

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