Kaufladen
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15564/kaufladen
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Als ich klein war, habe ich mit meinen Geschwistern ziemlich oft die gleiche Sache gespielt: erwachsen sein. Mal im Kaufladen, mal in der Puppenkche, mal im Bad bei den Frisiersachen. Was hatten wir einen Spa daran:
Guten Morgen, Frau Blocksberg
Guten Morgen, Herr Friseur.
Wie geht es Ihnen?
Oh, sehr gut. Und wie geht es Ihnen?
Ganz wunderbar. Meine Frau hat gestern den Nobelpreis gewonnen, deshalb macht mein Friseurladen heute frher zu. Was kann ich fr Sie tun?
Ich htte gern eine Dauerwelle. Wie viel kostet das?
So oder hnlich klangen unsere Dialoge.
Das, was frher ein schnes Spiel war, ist heute mein Alltag: erwachsen sein. Einkaufen im Supermarkt, Brtchen vom Bcker holen, Glasmll entsorgen, einen Kaffee bestellen, ein Paket aufgeben. Nur beim Friseur bin ich fast nie, das macht meine Schwester. Sie hat ja bung. Und obwohl sie noch keinen Nobelpreis gewonnen hat, macht sie das ganz ordentlich.
Unsere Dialoge, wenn sie mir die Haare schneidet, sind mir die liebsten. Denn da muss ich nicht viel denken. Ich bin ja bei meiner Schwester. Wir knnen ganz ungezwungen ber alles reden oder ganz ungezwungen ber nichts schweigen.
Viele andere Alltags-Dialoge hingegen sind manchmal anstrengend. Uff, da ist bei der Post wieder der Typ, der so viel redet, da hab ich grade gar keine Lust drauf. Und wenn ich beim Bcker nach Hafermilch frage, ernte ich bestimmt wieder ein genervtes Augenrollen. Am Glasmll-Container steht schon wieder die Obdachlose, die alle anquatscht. Und richtig ungeduldig werde ich, wenn im Supermarkt die Kassiererin und der Kunde vor mir ins Plaudern kommen.
An mden Tagen drcke ich mich vor solchen Smalltalk-Situationen. Bring das Paket zu einer Paketstation. Hol mir den Kaffee vom Automaten. Tu so, als wrde ich die Frau am Glascontainer nicht hren. Und stell mich an der Selbst-Check-Out-Kasse an. Die hat sich noch nie mit irgendwem verquatscht.
Ich bin nicht besonders gut im Small Talk. Das muss man knnen: nicht zu ausschweifend, nicht zu kurz angebunden. Nicht zu persnlich, aber nur das Wetter ist auch wieder zu wenig. Aber auch wenn ich keine gute Smalltalkerin bin, ist das Verrckte: Ich bin nach solchen Gesprchen fast immer besser gelaunt als vorher.
Wie kann so ein Wie-ist-das-Wetter-wie-gehts-der-Tochter-Gesprch positive Auswirkungen auf meine Stimmung haben? Irgendwas passiert da in den kleinen Spalten des Gesprchs.
Resonanz nennt dieses Phnomen der Soziologe Hartmut Rosa. bersetzt etwa Wiederklang. Wenn zwei Leute sich unterhalten, dann bringen sie im anderen etwas zum Klingen. Die Bckerin setzt mit ihrer Begrung einen Grundton. Freundlich oder gestresst zum Beispiel. Und ich nehme diesen Ton auf und antworte passend. Ich klinge mit. Wir sind Wiederklang freinander. In ihren Stzen klingen meine Aussagen nach. In meinen Aussagen schwingen ihre Stze weiter. (1)
Resonanz nennt es der Soziologe. Die Bibel findet ein Bild aus der Natur dafr. Da sagt Gott: [Mein Wort] wird nicht wieder leer zu mir zurckkommen. Sondern wie Regen und Schnee bewirkt es etwas. Es befeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar. Die Welt in Resonanz mit Gott.
Nur, wer so gar nicht mitklingt, das ist die Paketstation und der Kaffeeautomat und die Selbst-Check-Out-Kasse. Da funktioniert alles nur. Komplett vorhersehbar, aber ohne Resonanz. Wobei zumindest diese Paketstation an der Ampel vorne bei mir etwas zum Klingen bringt: Genervtheit. Die ist nmlich immer schon voll. Doch mein genervter, halblauter Fluch prallt an der glatten Benutzeroberflche ab, Resonanz: gleich null. Kalt und abweisend steht die Paketstation da, und ich fhle mich alleiner als allein.
Und dann gehe ich pltzlich richtig gern zur Post. Hoffentlich ist der Typ da, der immer so viel redet. Mit dem kann man gut ber unfhige Paketstationen schimpfen. Und auerdem, wer wei: Vielleicht erfahre ich bei der Gelegenheit ja auch, wer dieses Jahr den Nobelpreis gewinnen wird.
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