Cynthia
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15566/cynthia
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Sie sitzt bei mir am Abendbrottisch. Eine Freundin hatte gefragt, ob ich eine junge Frau beherbergen knne, wenn sie in Erfurt Ausbildung hat. Sie will Diakonin in der evangelischen Kirche werden. Klar, sage ich, Gstezimmer ist frei. Und nun sitzt Cynthia hier. Wir essen und plaudern.
Wie bist du dazu gekommen, Diakonin werden zu wollen?, frage ich. Ich wollte etwas zurckgeben, sagt sie. Und all das kennenlernen. Wie das so ist in der Kirche. Sie findet es toll. Ich will wissen, was sie gutfindet. Na, dass es ein Netz ist, sagt sie. Dass man einfach bei Leuten zu Besuch sein kann, die man bis dahin gar nicht kennt. Eine Gemeinschaft an vielen Orten. So, dass man da sein kann. Das kannte sie vorher nicht. Ihre Geschichte sei halt anders gegangen.
Es hat harmlos angefangen, erzhlt sie. Als Teenagerin. Klassisch: Willste nen Joint? Sie wollte. Dazugehren und dabei sein. Mal fliegen. Was ist schon dabei. Cynthia erzhlt absolut unaufgeregt. Bunte Lichter, wie es leicht wurde, die Jungs waren s und sie neugierig. Es wurden mehr Joints. Und irgendwann hatte jemand hrteres Zeug. Dann kam Crystal Meth und Kokain. Und ab da war sie abhngig.
Stichpunktartig beschreibt sie, dass sie Geld beschaffen musste und irgendwann im Knast gelandet ist. Und dass da ein Kind ist, das beim Vater bleiben musste, der aber auch an der Nadel hngt.
Entzug in einem Krankenhaus. Dort arbeiten eher ltere Frauen in altmodischen Sachen: graue Kleider, weie Schrzen, weie Hubchen. Und sie sagen sehr christliche Sachen. So etwas wie, dass Jesus heilen knne. Dass er einen Weg habe, dass man ihm vertrauen knne.
Hehre Worte fr ein Heidenkind.
Dann trumt sie, dass sie nochmal ein Kind bekommt. Anders als beim ersten Mal kommt es ganz leicht. Und als sie es in den Armen hlt, sieht sie: Das bin ja ich!
Lange hat sie keine Deutung dafr und den Traum schon vergessen, als sie nach dem Entzug in eine Einrichtung fr Exjunkies kommt. Ebenfalls sehr christlich geprgt. Und in eine christliche Gemeinde. Dort hrt sie die Geschichte von Jesus und Nikodemus, wo Jesus sagt, dass der Mensch neugeboren werden msse, und Nikodemus das nicht ganz versteht. Man knne doch nicht in den Bauch der Mutter kriechen. Und Jesus dann ganz philosophisch sagt, dass jemand aus Wasser und Geist neugeboren werden knne. (Johannes 3)
Cynthia denkt: Das sagt er jetzt nur fr mich. Das bin ich. Ich kann neugeboren werden, mit meinem Verstand und mit Gottes Geist. Fr sie ist es Jesus. Sie sagt das ohne Pathos. Ganz selbstverstndlich. Jesus fhrt sie. Ein neues Leben ist mglich. Eine neue Zeitrechnung. Gesund werden und gesund bleiben. Clean bleiben. Alltag lernen.
Die Wohngruppe hilft ihr, den Tag zu strukturieren: Hausarbeit machen, im Garten helfen, Tiere versorgen. Geht doch, denkt sie, und zhlt die Tage mit. Schon hundert Tage clean. Es ist ein Kampf, aber sie hat das neue Leben schon gesehen, und es hat sich gut angefhlt.
Ich sitze da mit Gnsehaut. Was fr eine Geschichte! Und was fr ein Geschenk an mich, dass ich sie hren darf! Dass es so etwas gibt. Nicht ohne Wackeln und Sptwirkungen, nicht easy und hellrosa, aber eben doch als Weg.
Cynthia erzhlt, wie sie etwas Mut in die Hand genommen hat, um zurck in ihre Heimatstadt zu gehen. Sie will ihrem Kind nahe sein, so gut es geht. Wenigstens hin und wieder dem Sohn eine Mutter sein. Er ist jetzt 14. Sie: erst Minijob, dann Teilzeitjob bei der Kirchengemeinde. Sie braucht nicht viel zum Leben. Und dann entscheidet sie, sich ehrenamtlich zur Diakonin ausbilden zu lassen. Here we are.
Was es genau werden wird, wo es hingehen soll: Sie hat noch keine Ahnung. Jesus wei es, sagt sie. Und wieder klingt es einfach geerdet und wahr.
Und ich denke auch: Gott wird sie fhren.
Schutz und Segen fr dich, liebe Cynthia. Und ein langes Leben!
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