Wut tut gut

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15567/wut-tut-gut

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Das sind die Hormone, das kenn ich, sagt eine Freundin, als ich ihr erzhle, wo ich neulich wieder wtend geworden bin. Eine Frau wurde herablassend behandelt, und drei Mnner haben hhnisch gelacht. Meine Freundin fngt gleich von ihren Wechseljahren an. Da sei sie auch fter mal aufbrausend gewesen. So etwas gehe vorbei.

Naja, sage ich, herablassendes Verhalten sollte wtend machen, finde ich. Hormone hin oder her. Frauen und Mnner. Da solle jeder und jede einschreiten. Hinnehmen ist keine Option. Meine Freundin wiegt den Kopf und findet, dass man nicht berall etwas dazu sagen msse. Die Welt sei nun mal ungerecht. Und man knne nicht berall Stopp rufen. Wo kmen wir hin.

Ich widerspreche, weil ich wei, wo wir hinkommen, wenn wir alles hinnhmen. Wenn die Lauten und die bergriffigen machen knnen, was sie wollen. Wir hren es jeden Tag in den Nachrichten. Irgendwer muss Stopp sagen.

Wir schweigen. Sitzen in der Wintersonne vor einem Caf in Magdeburg, genieen, dass es hier auf der Bank im Windschatten etwas wrmer ist. Den Schal um den Hals brauchen wir zwar noch. Aber der Frhling blinzelt schon um die Ecke. Winter wird nicht Winter bleiben. Der Blumenladen um die Ecke verkauft Schneeglckchen im Bastkorb.

Ich denke an die Kommentare im Netz unter den Beitrgen aus Sachsen-Anhalt. Wie vergiftet sie sind. Wie Mnner auch Frauen, aber meist eben doch eher Mnner zunehmend die Handbremse lockern und offen drohen, wer am Tag der Machtbernahme auf sich aufpassen solle. Sind das auch die Hormone? Wohl kaum.

Das ist Wechselstimmung. Alles soll sich ndern. Alles soll abgeschafft und neu geordnet werden. Mich frstelt. Wie viel Zeit haben wir noch, laut Stopp zu sagen?

Nein, Wut ist gut, sage ich. Sie ist ntig. Und wenn es einen Vorteil hat, lter zu werden, dann, um die Furcht zu verlieren.

Ich wei, was meine Freundin jetzt sagen will. Ich lese es auf ihrer Stirn. Ich solle auf mich aufpassen, nicht zu viele Baustellen aufmachen, nicht in jede Schlacht ziehen, meine Kraft sparen. Ich bin hin- und hergerissen, ob sie recht hat oder einfach nur feige ist. Feigheit, getarnt als Frsorge.

Durch Stille-Sein und Hoffen werdet ihr stark sein. (Jesaja 30,15) So zitiert sie aus der Bibel. Da reit mir die Hutschnur. Klassisch weibliches Stillschweigen hat noch nie einer Gesellschaft gutgetan. Tu deinen Mund auf fr die Stummen und die Sache derer, die verlassen sind. Das ist auch Bibel. Buch der Sprche, Kapitel 31.

Verstecken geht nicht mehr. Wir sind alle gefragt. Jede und jeder zhlt. Und es steht richtig etwas auf dem Spiel. Wir sind mndige Frauen. Wir mssen jetzt hingucken und laut Stopp sagen, wenn Frauen entrechtet werden sollen, Behinderte bedroht und Menschen in erste und zweite Klasse unterteilt werden.

Das kann man ben. Klarheit ist ein Muskel. Man kann ihn trainieren. Aufrichtigkeit. Den Mund aufmachen, auch wenn man wei, dass es gleich bse Argumente hagelt. Tu deinen Mund auf fr die Stummen und die Sache derer, die verlassen sind.

Sie seufzt. Klar, sagt sie. Das msse aber gesamtgesellschaftlich geschehen. Ein Mentalittenwechsel. Das dauere.

Und ich merke, wie die Wut bleibt: Wir sind der Wechsel. Wir brauchen es doch auch, dass fr uns jemand den Mund aufmacht, wenn wir in die Defensive geraten, erst recht, wenn wir mundtot gemacht werden sollen. Das ist keine Temperamentfrage, denke ich. Da geht es um Haltung.

Wir einigen uns, dass wir uneins sind. Und ich brauche wieder den halben Nachmittag, mich abzuregen.

Aber ich bleibe dabei: Wir sind der Wechsel. Wir sind solidarisch, wenn sich andere wegdrehen und tun, als wrden sie nichts bemerken. Wir sind der Frhling. Wir sind die Schneeglckchen, die sich aus dem Schnee hervorwagen, wenn alle noch den Winter beklagen. Denn wir sind da. Und das ist auch gut so.

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