Anruf aus dem Bauch des Walfischs

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15568/anruf-aus-dem-bauch-des-walfischs

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Sein Handy klingelt. Er meldet sich. Jemand spricht, aber es klingt sehr dumpf. Und irgendwie von weit weg.

Ich kann Sie nicht gut hren, sagt er. Knnen Sie lauter sprechen oder an ein Fenster gehen? Fenster ist hier nicht, sagt er.

Komisch, denkt der Angerufene. Er ist Pfarrer im Ruhestand und hat schon etliche denkwrdige Anrufe gehabt. Dieser hier kommt spt am Abend.

Er msse mal mit jemandem reden, sagt der Mann am anderen Ende. Er klingt erschpft. Ein tiefes Brummen ist in der Leitung. Wie der Anruf aus einem U-Boot.

Ich hre, sagt der Pfarrer.

Er sei ziemlich am Ende, sagt der Anrufer. Er liebe seinen Job. Aber ein Konflikt habe ihn aus der Bahn geworfen. Jetzt sitze er im tiefen dunklen Loch und wisse nicht mehr weiter. Nichts erscheint mir mehr logisch und gar nichts mehr hilfreich. Wo ich auch hinsehe, denke ich nur: Es hat doch eh keinen Zweck, das ist alles fr die Katz. Niemand wolle Vernderung, alle hielten ngstlich fest, was sie haben. Wer wei, wie lange noch.

Es sprudelt nur so aus ihm heraus.

Wer sich bewege, wrde zurckgepfiffen. In die Zukunft schauen scheine fr manche so unertrglich, als wrde man sie ber einen tiefen Brunnen halten und sagen: Wenn du auch nur einmal atmest, lassen wir dich fallen.

Und all das passe so verheerend zur gesellschaftlichen Situation. Alle starren auf die Wahlumfragen wie das Kaninchen auf die Schlange. Der Druck ist sprbar fr Leute in seinem Job. Er arbeitet in einer Einrichtung fr diejenigen, die es eh schwer haben. Es sei trostlos.

Der Pfarrer hrt zu. Er antwortet hchstens ein Ich verstehe. Und vermutet den Anrufer im Raum der Diakonie. Er fragt: Sie haben Angst?

Ja, ich habe Angst. Meiner Kollegin haben sie einen Reifen aufgestochen. Wir bekommen in unserer Einrichtung Drohbriefe und Mails. Noch anonym. Jede Debatte ist berhitzt, auch in unserem Team, es gibt kaum einen ffentlichen Raum, der taugen wrde fr gute Gesprche. Und die Radikalen hocken in den Hinterzimmern der Gaststtten und schmieden Plne, wer am Tag X zu deportieren sei. Oder wenigstens zu maltrtieren.

Lngere Stille. Soll der Pfarrer nachfragen? Nicht ntig. Der Mann spricht weiter: Ich habe so viel angezettelt, auf die Beine gestellt, fhrt er fort. Aber immer alleine. Immer aus dem guten Willen heraus. Ich brauche dafr keinen Dank, keinen roten Teppich. Neulich hat mir eine Frau ein Pfund Kaffee mitgebracht. Ich hab mich riesig gefreut, aber gesagt, dass dies gewiss nicht ntig sei. Fr mich war es aber wie Gold.

Er erzhlt von den Menschen mit Behinderung in seiner Einrichtung, die ihn tagtglich motivieren. Und wenn er jetzt Paralympics gucke, wisse er, was aus Menschen werden kann, wenn sie nur ein bisschen gefrdert werden. Ebenso bei den minderjhrigen Geflchteten. Die knnen doch was, sonst htten sie es nie bis hierher geschafft. Sie brauchten nur ein Gelnder.

Aber ich kann gerade nicht mehr. Ich bin wie allein in einer Nussschale auf hoher See. Alle Nachrichten machen es schlimmer. Ist Solidaritt etwas, was die Leute nie erfahren haben, so dass sie sie vergessen? Oder bewusst unterdrcken?

Der Pfarrer atmet tief durch. Whrend der Anrufer weiterredet, schliet er seine Augen, hebt seine freie Hand zum Segen und sagt still fr sich: Gott segne dich, Gott hrt dich, mein Junge. Er rette dich aus aller deiner Not. Er mge seine Hand ber dir halten und dir den richtigen Weg zeigen.

Und sagt dann irgendwann laut: Eine Auszeit ist gut. Gott schenkt viele Rume, in denen man gesund werden kann. Es gibt begabte Menschen, die helfen knnen, wenn man selber nicht mehr kann.

Nach ber einer Stunde kommt das Gesprch an ein Ende. Danke, dass Sie mir zugehrt haben!, sagt der Mann. Das bedeutet mir viel. Der Mann aus dem U-Boot ist vielleicht eher ein Jona im Walfischbauch, denkt der Pfarrer. Jener biblische Prophet, den ein groer Fisch verschluckt und nach drei Tagen an Land spuckt. Gott wird dem Wal schon sagen, an welchem Ufer er ihn aussetzen soll. Und so lange darf er ausruhen.

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