Weiter Raum
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15576/weiter-raum
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Gott befreit. Das ist die Grunderfahrung des christlichen Glaubens. Und das ist die Urerzhlung Israels. Gott hat die Israeliten aus der Sklaverei gefhrt, aus gypten befreit und ins gelobte Land gebracht.
Diese Befreiungserfahrung kleidet Psalm 31 in das Bild: Du, Gott, stellst meine Fe auf weiten Raum. (Psalm 31,9)
Wenn Religion nicht befreiend wirkt, stimmt etwas nicht. Wenn Glaube einengt, klein macht, unten hlt oder vor allem dazu dient, Hierarchien zu rechtfertigen, ist etwas faul. Gott macht frei. Wer Angst hat oder Panik, bekommt zu wenig Luft, atmet zu oberflchlich, hyperventiliert vielleicht sogar. Wenn man tief Luft holt, tritt Ruhe ein, weitet sich der Brustkorb. Angst kommt von Enge. Gott holt aus der Enge und aus der Angst.
Gott, du stellst meine Fe auf weiten Raum. Weiter Raum kann so vieles sein. Weiter Raum heit, gehen zu knnen, wohin man will, oder einen eigenen Raum zu haben mit genug Platz. Und Gott schenkt nicht einfach weiten Raum, sondern stellt des Beters Fe auf weiten Raum. Das tut Gott nicht, damit man wie angewurzelt stehen bleibt. Fe im weiten Raum heit: Bleib in Bewegung, krperlich und geistig! Weite Rume sind nicht dazu da, unbekannt, unerforscht und gleichgltig zu sein. Sie wollen entdeckt werden.
Andererseits hat das auch Grenzen. Es ist ja sehr faszinierend, den Weltraum zu erkunden. Wenn es allerdings dazu fhrt, dass man den eigentlichen Lebensraum, unsere Erde, am liebsten verlassen will und sich nicht richtig um sie kmmert, geht es schief.
Zu viel Enge bedrngt. Zu viel Weite und Freiheit kann aber auch bedeuten, dass man sich orientierungslos und verloren fhlt. Gott will uns Menschen vor dem einen wie vor dem anderen bewahren und an unserer Seite stehen. Und Gott geht es nicht nur um physische Rume. Die Bibel ist durchzogen von Geschichten, in denen Gott fr herrschaftsfreie Rume sorgt, also fr Zonen, in denen Menschen vor Willkr geschtzt sind. Lnder, in denen Gerechtigkeit und Friede sich kssen. Familien, in denen Menschen freinander da sind. Gesellschaften ohne Unterdrckung.
Heute wre der evangelische Theologe Jrgen Moltmann 100 Jahre alt geworden. Seine Theologie der Hoffnung prgte Befreiungsbewegungen rund um den Globus und ganze Theologengenerationen hierzulande. Du stellst meine Fe auf weiten Raum war Moltmanns Lieblingsstelle aus der Bibel. So hatte er Gott erfahren. Als 17-Jhriger im Zweiten Weltkrieg hat er den Hamburger Feuersturm 1943 an einem Flakgeschtz ganz knapp berlebt. Mit Kriegsende kam er in englische Gefangenschaft. Als er in schwere Depression verfiel, fing er an, in der Bibel zu lesen, und erlebte Gott als befreiend, als einen, der Hoffnung schenkt.
Fr Moltmann hat diese Befreiungserfahrung sein ganzes Leben geprgt. Er hat sie theologisch durchdacht und seine Theologie der Hoffnung entwickelt, nicht weltflchtig, sondern weltzugewandt, kritisch und politisch. Hochbetagt ist er vor knapp zwei Jahren gestorben.
Der weite Raum wurde fr Jrgen Moltmann auch zur Metapher fr das, was man meist als Himmel beschreibt. Die Erfahrung des weiten Raums jetzt und hier ist ein Muster dafr, was wir im Tod und danach erleben werden. Davon war Jrgen Moltmann berzeugt. Das brachte er gern mit einem weiteren Bibelvers zum weiten Raum auf den Punkt. Der Vers stammt aus dem Buch Hiob:
So reit Gott auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrngnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben. (Hiob 36,16)
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