Wer hat den wahren Ring?
Shownotes
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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur
Pfarrer Steffen Madloch
aus Berlin
Wer hat den wahren Ring? 14.04.2026
Manchmal erzhlt ein Theaterstck mehr ber die Welt als lange wissenschaftliche Abhandlungen. An einem 14. April wie heute, im Jahr 1783 wurde in Berlin ein Stck uraufgefhrt, das bis heute weiterfragt. Gotthold Ephraim Lessing brachte sein Drama Nathan der Weise auf die Bhne. Im Zentrum steht eine kluge Geschichte. Der jdische Kaufmann Nathan wird vom muslimischen Herrscher Saladin gefragt: Welche Religion ist die wahre?
Nathan antwortet nicht mit Argumenten. Nathan erzhlt. Von einem Vater, der einen kostbaren Ring besitzt. Dieser Ring hat eine besondere Kraft: Er macht seinen Trger vor Gott und den Menschen liebenswert.
Der Ring wird weitergegeben von Generation zu Generation. Bis ein Vater drei Shne hat. Und alle drei liebt er gleich. Wem soll er den Ring vererben?
In seiner Verzweiflung lsst er zwei weitere Ringe anfertigen. Sie sehen aus wie das Original, so dass der Vater sie selbst nicht unterscheiden kann. Jedem Sohn gibt er einen Ring. Der Vater stirbt, und seine Shne streiten, wer den echten hat. Ein Richter soll entscheiden und sagt: Zeigt die Kraft eures Ringes. Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Lebt so, dass man eure Gte sieht. Dann wird sich vielleicht zeigen, welcher Ring der wahre ist.
Eine Parabel auf den Wettstreit der drei Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Gotthold Ephraim Lessing fhrt vor Augen: Keine Religion kann fr sich beanspruchen, die einzige Wahrheit zu besitzen. Aber jede Religion kann so leben, dass sie Gottes Liebe sichtbar macht.
Auch heute sprechen Menschen im Namen Gottes, als gehrte er ihnen. Politiker berufen sich auf Religion, um Macht zu festigen, Grenzen zu ziehen, Feindbilder zu pflegen.
Donald Trump inszeniert sich gern als Verteidiger eines christlichen Amerika. Wladimir Putin verbindet Politik mit religisem Pathos, als stnde Gott auf der Seite seines Krieges. Und das iranische System, geprgt von Ayatollah Khomeini, hat Religion zur Staatsideologie gemacht. Immer wieder derselbe Anspruch: Wir haben den richtigen Ring. Ihr Verhalten lsst nicht darauf schlieen, dass sie ber die Wunderkraft verfgen, beliebt zu machen; vor Gott und Menschen angenehm.
Wahrer Glaube zeigt sich nicht in lauten Bekenntnissen, sondern in ttiger Liebe. Nicht wer recht hat, zhlt. Sondern wer liebt. Toleranz ist keine Gleichgltigkeit. Sie bedeutet nicht: Alles ist egal. Sie bedeutet: Ich nehme den anderen ernst. In seiner Wrde. In seinem Glauben. In seinem Menschsein.
Wir sollten aufhren zu fragen: Wer hat den richtigen Ring? Sondern: Wie gehen wir miteinander um?
Denn Gott lsst sich nicht besitzen. Nicht von Religionen. Nicht von Staaten. Nicht von Politikern. Aber seine Liebe will gelebt werden.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)
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