Wahrheit und Widerspruch
Shownotes
Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15585/wahrheit-und-widerspruch
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Es war in einer Rede zur christlich-jdischen Zusammenarbeit. Da erzhlte der langjhrige Vorsitzende der jdischen Gemeinde meiner Heimatstadt Mnster einen hinreienden Witz. Der ging ungefhr so:
Ein Jude erleidet Schiffbruch und rettet sich auf eine einsame Insel. Was macht er dort? Er baut selbstverstndlich eine Synagoge. Als er damit fertig ist, stellt er sich hin, betrachtet sie hchst zufrieden und beschliet unmittelbar: Jetzt baue ich noch eine Synagoge. Gesagt, getan.
Eines Tages kommt ein Schiff, das ihn rettet. Der Kapitn sieht die zwei Synagogen, kratzt sich am Kopf und sagt: Verrate mir, warum blo hast du zwei Synagogen fr dich gebaut? Fr mich?, fragt der Jude da entrstet zurck. Die eine ist fr mich. In die andere wrde ich doch nie einen Fu setzen.
Umwerfend, der Humor und die Weisheit, die in diesem Witz stecken. Das Judentum, auch das Christentum kann nicht ohne Widerspruch und Streit existieren. In der Bibel ist der Streit Heilige Schrift geworden. Jesus hat den Streit nicht aus der Welt geschafft, als er das jdische Gebot der Nchstenliebe gepredigt und die Feindesliebe hinzugefgt hat. Du darfst nicht streiten - das ist eine beliebte christliche Selbsttuschung, und es ist falsch. Wer die Nchsten liebt, muss mit ihnen streiten.
In der Bibel gibt es deshalb lauter Widersprche. Lauter paradoxe Aussagen, mal so, mal das Gegenteil. Schwerter zu Pflugscharen. Dann wieder Pflugscharen zu Schwertern. Was denn jetzt? Zwei Versionen, wie Gott die Welt geschaffen hat. Welche stimmt denn nun?
Manche sagen deshalb: Ich kann das alles nicht glauben. Das kann nicht wahr sein. Das widerspricht sich doch hinten und vorn. Ich sage: Gerade und nur deshalb ist die Bibel glaubwrdig. Nur deshalb interessiert sie mich. Weil da auch die Sicht der Dissidenten, Abweichlerinnen und Andersdenkenden geehrt und aufbewahrt wird. Weil die alte Lesart nicht gelscht und durch die neue ersetzt wird. Weil da zwei konkurrierende Geschichten nebeneinanderstehen drfen. Weil da drei Perspektiven eingenommen werden. Weil es vier Evangelien gibt mit kleinen und groen Unterschieden und nicht nur das eine. Dieses Aushalten, diese Wrdigung von Widersprchen widerspricht fundamentalistischen, eindimensionalen und totalitren Weltbildern. Umso mehr entspricht es aber dem Leben berhaupt. Das ist groartig.
Widerspruch und Streit gehren fest zur Wahrheitssuche dazu. Nicht pbeln, nicht mosern, nicht zoffen. Sondern: wahrhaftig streiten! Mit einem Ernst, der Zhne zeigen kann, und mit einem Humor, der vor Verbissenheit bewahrt. Das ist das Gegenteil von Fertigmachen, Zerfetzen, Krakeelen, Verhhnen, In-Grund-und-Boden-Schreien. Ich behaupte damit nicht, Streit kme ohne Leidenschaft und Zorn aus. Es darf ruhig mal laut und hitzig werden, es geht ja schlielich um was. Es geht um die Wahrheit, manchmal um Lebens- und berlebensfragen.
Streit und Dissens sind nicht das Gegenteil von Frieden. Das Gegenteil von Frieden ist Krieg. Streit darf nicht zum Krieg werden, in dem ich den Gegner zum Feind mache, ihn persnlich vernichten, demtigen, seine Existenz, sein Gesicht und seine Wrde zerstren will. Ich lebe, und ihr sollt auch leben, sagt Jesus. Das gilt. Und wenn man sich noch so streitet, es muss klar bleiben: Am Ende werden wir uns noch anschauen knnen, werden wir einander die Hand reichen, weiter miteinander reden und es wagen knnen, wenn ntig, den nchsten Streit zu fhren.
Deshalb verkneife ich mir, wenn es eben geht, das giftige Wort. Ich kann es ja nachher nicht mehr einfangen, und es vertzt zuknftige Gesprche. Ich mchte vertrauen, dass mein streitbares Gegenber mir nicht schaden will, sondern der Wahrheit dienen will und dem gemeinsamen Ganzen. Und so mchte ich mich auch verhalten. Als Christin. Als Mensch berhaupt.
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