Quälereien

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/wort-zum-tage/15753/quaelereien

Transkript anzeigen

00:00:00: Achthundertvierzigmal wiederholen.

00:00:02: So steht es ganz oben am oberen Rand des Notenblattes, darunter das Stück gerade einmal eine Diener Vierseite noten.

00:00:11: Der Pianist spielt das erste Blatt.

00:00:14: sobald er es fertig gespielt hat lässt er's auf den Boden gleiten, nimmt das nächste Noten blatt von einem Stapel und spielt weiter, lässt das Blatt wieder zu Bodengleiten, nehmt das Nächste usw.

00:00:26: Nach etwas über Zehn Stunden Klavierspiel ohne Pause ist der Stapel aufgebraucht, die Blätter über sehenden Kirchenboden.

00:00:36: Der französische Komponist Éric Satie hat dieses Stück geschrieben.

00:00:41: Niemand weiß so genau ob seine handschriftliche Anmerkung achthundertvierzig Mal wiederholen ein Witz oder ernst gemeint war.

00:00:48: Vorsichtshalber hatte das Stück Vexation zu deutschen Quellereien genannt und dabei ist die Musik zumindest für die Hörerinnen Ganz und gar keine Quälerei, sondern eher eine Begegnung mit der Ewigkeit.

00:01:03: Es ist enorm was mit mir geschieht wenn ich in eine gefühlt unendliche Schleife von Wiederholungen eintrete.

00:01:09: Man fühlt sich wie an einer Achterbahn die unentwegt fair drauf und runter geradeaus und den gewundenen Kurven Und doch immer wieder am Ausgangspunkt ankommt.

00:01:20: Der Pianist Igor Levitt hat das Stück während der Pandemie zu Hause in seinen eigenen vier Wänden gespielt und eine Internetgemeinde teilhaben lassen.

00:01:30: Ein Symbol der Abgeschiedenheit, der Sisyphusarbeit aber auch eine Meditation über Zeit- und Ewigkeit.

00:01:38: Musik ist eine Zeitkunst und beherrscht zugleich Techniken der Ewigkeit Eine beglückende Erfahrung mitten in der Zeit können wir in Momente der Ewigkeit eintreten Und die Künste können dabei helfen, einen Hauch von Ewigkeit zu erfahren.

00:01:55: In Halberstadt läuft seit dem fünften September, ein Orgelstück des amerikanischen Avangard-Komponisten John Cage in der dortigen Sankt Buhardi Kirche.

00:02:06: As slow as possible hat der Komponist sein Werk überschrieben – das nahmen die Initiatoren des Projektes beim Wort!

00:02:14: Sechshundertneununddreißig Jahre soll das Stück dauern und nur alle paar Jahre seinen Ton wechseln.

00:02:21: Mit jedem neuen Ton wächst die Orgel, eine neue Orgelpfeife wird angebaut?

00:02:27: Die lange Weile kann ihren Reiz haben – einer Erfahrung der Ewigkeit mitten in der Zeit!

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