Darf ich mal deine Flügel anfassen?

Shownotes

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Vikarin Anke Schaefer

aus Tutzing

Darf ich mal deine Flgel anfassen? 29.09.2026

Darf ich mal seinen Flgel anfassen? Das habe ich meine Mutter als Kind gefragt, wenn wir in der Mnchner Fugngerzone in der Michaels-Kirche Halt machten, neben dem groen Bronzeengel. Na klar, hat sie gesagt. Ich strich ganz vorsichtig ber den Flgel dieses Erzengels Michael und sprte die khle Bronze unter den Fingerspitzen.

So tue ich es heute noch, wenn ich durch die Fugngerzone spaziere und natrlich bei ihm reingucke. Zuhause blttere ich dann in einem Buch, das mir mein bester Freund vererbt hat. Der hat mir das beigebracht: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind zwar unsichtbar, aber in ihrer Wirkung unglaublich mchtig.

In dem Buch meines Freundes beklagt der Schweizer Autor Walter Nigg, dass die Engel fr die Menschen von heute eine Verlegenheit bedeuten wrden. Der moderne Mensch habe keine Beziehung mehr zu den himmlischen Boten. Sie seien fr sein skeptisches, nur auf Nutzen bedachtes Denken reine Einbildung. Das sei ein Erbe der Aufklrung. Aber auch der Kirche, die beschmend zahm von Engeln spreche. Findet Walter Nigg.

Ich finde: Er hat recht. Wer sich Engeln nahe fhlt, wird belchelt. Oder als Kitsch-Liebhaber:in bemitleidet. Dabei haben Engel Menschen zu allen Zeiten fasziniert. Sie haben tragende Rollen in der Bibel. Immer wieder sagen sie: Frchtet euch nicht!

Im Alten Testament trumt Jakob in einer sehr kritischen Lebenssituation von einer Leiter. Die Engel Gottes steigen daran auf und ab. Und eine Stimme von oben sagt Jakob im Traum: Hab keine Angst! Ich bin bei dir. So einen Zuspruch brauche ich auch, wenn ich selbst in kritischen Situationen bin.

Engel, die auf- und absteigen klarer kann ein Bild ja gar nicht sein: Engel sind luftig-leichte Mittler zwischen den Welten. Zuhause bei Gott in den himmlischen Sphren und auf der Erde. In mindestens zwei Dimensionen also.

Der Erzengel Michael wird oft mit einem Drachen dargestellt. Michael rammt dem Drachen seinen Speer in den Rachen. Da bezwingt er das Bse. Oder ringt er andere Glaubensvorstellungen nieder? ber solche Dinge habe ich als Kind nicht nachgedacht.

Der Bronzeengel in der Michaelskirche in Mnchen hat nichts Kmpferisches. Er hat herrliche Flgel, sein wehendes Gewand ist unter der Brust zusammengerafft. Barfu steht er vor dem Weihwasserbecken dieser Jesuitenkirche.

Wirst du noch da sein, wenn ich wiederkomme?, frage ich ihn jedes Mal bang. Na klar, sagt er. Und wenn ich mich dann endlich von ihm trennen kann und die Kirche verlasse, dann begleitet mich eine flgelleichte Zuversicht.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

Zitate/Quelle: Walter Nigg, Bleibt, Ihr Engel, bleibt bei mir, Frankfurt am Main/Berlin 1993, S. 7

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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