Pilger-Trance

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/wort-zum-tage/15791/pilger-trance

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Vikarin Anke Schaefer

aus Tutzing

Pilger-Trance 30.09.2026

Neulich war ich zum ersten Mal pilgern. Dass ich irgendwann in Santiago de Compostella ankomme, das ist mein Wunsch. Aber es fehlt mir der Mut, auf dem Jakobsweg loszugehen. Also dachte ich: Probier ichs doch mal hier vor Ort. Der Jakobsweg fhrt ja durch ganz Europa. Habe ich mich also einer kirchlichen Zwei-Tages-Tour angeschlossen, zum Thema: Wurzeln und Flgel.

Treffpunkt 9 Uhr an einem Bahnhof in der Nhe von Mnchen. Wir gehen und gehen und gehen. Keine Pause. Endlich doch. Es gibt Brotschnitten aus dem Rucksack. Keine Waldwirtschaft weit und breit. Dann weiter. Es wird Nachmittag. Kaffeedurst in mir.

Der Pilgerbegleiter hatte gesagt: Wer einen Wunsch hat, bitte formulieren. Ich formuliere also: Ich htte gerne einen Kaffee. Tja, sagt er, dieser Wunsch kann leider nicht erfllt werden. Dafr haben wir keine Zeit. Ich sage: Es dauert doch nicht lang, ich knnte mir doch einen Kaffee to go, auf die Hand kaufen. Er schaut mich an und fragt: Wo denn? Wir mustern gemeinsam den Wald, der uns umgibt. Ich grummele. Und gehe weiter.

Das Motto des ersten Tages: Wurzeln. Was trgt mich? Meine Fe sagt es in mir. Sie tragen mich tatschlich bis nach St. Ottilien, unserem Ziel fr heute. Die Nacht verbringe ich mit einer Mit-Pilgerin im Doppelzimmer. Sie schnarcht. Dann wird es still. Als ich wieder zu ihr rbergucke, sehe ich: Sie ist weg. Morgens erzhlt sie mir, sie habe im Brustberl in der Abtei geschlafen, um mich nicht zu stren. Ich umarme sie. Und dann gehts weiter.

An Tag Zwei sind die Flgel das Thema. Der Weg wird abschssig. Pltzlich stehe ich am Ufer des glitzernden Ammersees. In diesem Moment fliegt ein Schwan knapp ber der Wasseroberflche an mir vorbei, tunkt seinen rechten Flgel gekonnt ins Wasser, bevor er majesttisch landet. Das Weitergehen ist auf einmal flgelleicht.

In St. Alban, einer Kapelle am Ammersee, endet die Tour. Der Pilgerbegleiter schenkt jeder und jedem von uns eine Schwanenfeder.

Dann bin ich zuhause. Meine Fusohlen prickeln. Ich gehe schlafen ich wache auf. Ich will weiter gehen! Erst jetzt wird mir klar, was ich da erlebt habe. Ich war unterwegs in einer Parallelwelt. In einer Pilger-Trance. Mein Alltag war nicht vllig weg, er ragte in Gedanken da hinein. Wrde er verebben, wenn ich lnger gehe? Was wre das fr ein Gefhl fast bedrfnislos ber die Erde zu gehen? Ganz im Gehen zu sein. Bis mir Schwanenflgel wachsen.

Die Schwanenfeder aus St. Alban steckt in einer Vase auf meinem Schreibtisch. Vielleicht schaffe ich es eines Tages doch bis nach Santiago de Compostella.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorlnder (martin.vorlaender@gep.de)

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