Die Art, wie sie gesehen hat

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15878/die-art-wie-sie-gesehen-hat

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Es gibt Menschen, die sehen, was andere nicht sehen wollen. Die dorthin schauen, wo die meisten lieber wegschauen. Ich denke heute an eine solche Frau.

Anna Politkowskaja wurde heute vor 20 Jahren erschossen. In Moskau, im Aufzug ihres Wohnhauses. Sie war Journalistin. Sie hatte ber den Krieg in Tschetschenien berichtet - ber das, was dort geschah, whrend viele wegschauten. Sie wurde 48 Jahre alt.

Politkowskaja reiste immer wieder in Kriegsgebiete, in die niemand freiwillig fuhr. Sie schrieb keine Berichte ber Truppenbewegungen oder Kmpfe. Sie schrieb ber einzelne Menschen. ber die Mutter, die ihren Sohn suchte. ber den alten Mann, der nicht aus seinem Dorf wollte. ber die Kinder. Sie gab denen ein Gesicht, die fr die Mchtigen kein Gesicht, keinen Namen haben sollten.

Warum tat sie das? Warum hrte sie nicht auf, obwohl sie bedroht wurde, obwohl sie einmal vergiftet wurde, obwohl sie wusste, was auf dem Spiel stand?

Nach ihrem Tod erschien ein Buch mit ihren Gedanken. Sie schrieb: Hass auf den Fremden ist Hass auf Gott. Wenn Gott uns alle gleich gedacht hat wozu sind wir dann so voller Verachtung freinander?"i

Sie glaubte: Jeder Mensch ob Tschetschene oder Russe, ob arm oder mchtig ist von Gott gleich gedacht. Das ist uralter Glaube. Schon die erste Seite der Bibel sagt das: Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Jeden Menschen. Das war fr Politkowskaja keine religise Formel. Das war der Grund, warum sie hinschaute, wo andere wegsahen. Gott hat jeden Menschen gleich gedacht. Wer das glaubt, kann nicht wegschauen. Kann nicht so tun, als zhlten manche nicht.

Anna Politkowskaja stammte aus einer russischen Diplomatenfamilie, sie war russisch-orthodox. Ihr Glaube war nicht laut. Aber er war da. Eine Kollegin hat nach ihrem Tod darber geschrieben: Intime Details aus Politkowskajas Leben haben ihre Gegner herausgezerrt. Aber dass sie ein glubiger Mensch war, das verschwiegen sie. Sie wurde orthodox bestattet.ii

Einmal, bei einer Geiselnahme in Moskau, war sie als Vermittlerin dabei. Sie lie ausrichten: Bitte betet fr uns, die wir von dieser Krise unmittelbar betroffen sind. Und natrlich: Sprecht ein Gebet fr mich." iii

Ein Satz aus echter Not. Von einer Frau, die wei: Ich kann das nicht allein tragen. Wer so bittet, hat verstanden: Strke besteht nicht darin, allein standzuhalten. Sondern darin zu wissen, wann man Halt braucht und wo man ihn findet.

Das hat Politkowskaja gewusst. Und doch im Alltag heute fllt es schwer. Bilder von Krieg und Leid gibt es tglich. So viele, dass man irgendwann wegschaut oder abstumpft. Beides ist verstndlich.

Aber Politkowskaja hat etwas anderes getan, als Elend zu betrachten. Sie hat einzelne Menschen gesehen. Nicht die Masse des Leids, sondern das eine Gesicht. Die eine Mutter. Den einen alten Mann. Nicht alles sehen mssen, aber einen Menschen sehen. Wirklich sehen. Das erschpft nicht. Das trgt. Wer einem einzigen Menschen wirklich ins Gesicht schaut, wird nicht berwltigt, sondern erkennt: Da ist jemand. Jemand, der gewollt ist.

Dieser Gedanke begleitet mich. Dieser eine Mensch, der mir heute begegnet den sehe ich wirklich an. Nicht als Problem, sondern als jemanden, dem ich begegnen kann.

Der Tag heute erinnert an den Tod von Anna Politkowskaja. Mich erinnert er auch an die Art, wie sie gesehen hat.

i https://novayagazeta.ru/articles/2014/10/06/61440-anna-politkovskaya-nelzya-pritvoritsya-svobodnymi

ii Die russische Journalistin und Menschenrechtlerin Lidija Grafova schreibt das neun Tage nach dem Mord in der Rossijskaja Gaseta (16. Oktober 2006)

iii https://www.iwmf.org/2002/10/anna-politkovskaya-2002-courage-in-journalism-award/

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