Was man nicht bilanzieren kann

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/morgenandacht/15879/was-man-nicht-bilanzieren-kann

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Zehn Menschen aus meiner Heimatstadt Frankfurt am Main haben ein Jahr lang jeweils einen jungen geflchteten Mann begleitet - manchmal einmal in der Woche, manchmal fter. Beim bergang von der Hauptschule in die Ausbildung. Mentoren nennt man das. Ich war eine von ihnen.

Wie viele am Ende wirklich einen Ausbildungsplatz bekommen und gehalten haben - ich wei es nicht genau. Einige haben abgebrochen, habe ich mitbekommen. Der junge Mann, den ich selbst begleitet habe, hat seinen Gesellenbrief geschafft - als Fahrzeuglackierer, ein Handwerk, das dringend Nachwuchs sucht. Das ist gut, und ich freue mich sehr darber.

Aber die Mentoren zweifeln, die wissen, es hat nicht geklappt mit der Ausbildung: War der Aufwand gerechtfertigt? Wer viel gibt und nicht sieht, was daraus geworden ist, kommt an den Punkt: Hat die Mhe berhaupt etwas bewirkt?

Damit sind sie nicht allein. Ehrenamtliche, die jemanden durch eine harte Zeit begleitet haben - und danach nie mehr etwas gehrt haben. Eltern, die nicht wissen, ob irgendetwas von dem, was sie ihrem Kind mitgegeben haben, noch irgendwo in ihm lebt. Lehrerinnen und Lehrer, denen nach Jahren noch nachgeht: Wer von denen, die ich unterrichtet habe, hat irgendetwas wirklich mitgenommen? Nicht zu wissen, ob man etwas bewirkt hat, das kann zermrben.

Dieses Gefhl ist uralt. In der Bibel hat es jemand aufgeschrieben - vor mehr als 2500 Jahren. Ein Mann aus dem jdischen Volk, das damals verbannt war, weit von der Heimat entfernt, ohne Tempel, ohne vertrautes Land. Dieser Mann verstand sich als jemand, den Gott berufen hatte. Er sollte reden, trsten, das Volk durch die schlimme Zeit begleiten. Und er klagt: Ich habe mich vergeblich abgemht, meine Kraft habe ich fr nichts und nichts verbraucht."i Das ist die die Wahrheit eines Menschen, der gearbeitet hat und nicht sieht, was es gebracht hat.

Dann kommt die Wendung. Nicht die Antwort, die man erwartet. Was Gott zu diesem Mann sagt, ist keine Durchhalteparole. Keine Bilanz, kein Schau doch, du hast doch wenigstens einiges erreicht". Gott sagt zu diesem erschpften Menschen etwas ganz anderes: Ich habe dich zum Licht der Vlker gemacht, damit mein Heil reiche bis an die Enden der Erde."ii Ein Licht der Vlker - das ist ein groes Bild. Es meint nicht Ruhm. Es meint: Was jemand in Gottes Sinn tut, wirkt weiter, als dieser Mensch es berblicken kann. Wie ein Licht, das jemand entzndet - und das weiterbrennt, wenn man selbst lngst nicht mehr dabei ist. Die Zusage lautet: Er ist Teil von etwas, das grer ist, als er wei.

Das ist kein Vertrsten nach dem Motto: Es wird schon irgendwie gut. Es ist eine Zusage: Was in Gottes Sinn getan wird, bleibt - auch wenn man das Ergebnis nicht sieht. Dieser Prophet versteht das am Ende und sagt etwas, das mich trstet: Was ich getan habe, ist bei Gott nicht verlorengegangeniii.

Das erleichtert. Das macht den Rcken frei. Es befreit vom Druck, das Ergebnis kontrollieren zu mssen. Wer wei, dass gutes Handeln nicht verloren geht, kann loslassen. Kann weitergehen. Kann wieder anfangen.

Der junge Mann, den ich ein Jahr lang begleitet habe, sitzt heute ber Fachlektre - er will seinen Meisterbrief machen. Was den neun anderen geblieben ist aus diesem Jahr, das wei ich nicht. Wir haben geredet: ber das Grundgesetz, ber die Zehn Gebote der Bibel und wie sie klingen auf Arabisch, auf Farsi und auf Deutsch. Was Menschen aus verschiedenen Welten miteinander teilen knnen, das entzieht sich sowieso jeder Bilanz. Fr mich bleibt das Helle. Von solchen Stunden leuchtet etwas weiter, als man sieht. Das glaube ich.

i Jesaja 49, 4

ii Jesaja 49,6

iii Jesaja 49, 4 b, wrtlich: Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

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