In der Wüste

Shownotes

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Evamaria Bohle

aus Berlin

In der Wüste 08.02.2025

„Jesus lebt.“ Ein Graffiti auf einem Bauzaun an der Bernauer Straße in Berlin. Immer noch lässt mich dieser Satz zusammenzucken, erinnert mich an Christen, die sich für fundamental frömmer als alle anderen halten, die versuchen, mein Denken und Fühlen auf ihre Weise einzubetonieren. Mir eine feste Burg zu bauen, wo ich doch im Kopf eher mit dem Zelt unterwegs bin. Ohne bleibende Stadt, aber mit Fragen und Hoffnung und Wind im Herzen. I c h sehe, dass das gut ist. S i e wollen mich zu ihrem Bilde machen. Wir verstehen uns nicht wirklich. Ihr Jesus bleibt mir suspekt. Seine Liebe scheint vergiftet, mit ihren Bedingungen. Ich suche das Weite. Sie beten für mich.

„Jesus lebt“, lese ich im Markusevangelium. Jesus lebt in der Wüste mit den wilden Tieren zusammen. Und ich denke an einen frühen Morgen in einer Wüste. Vor dem Sonnenaufgang in einem Touristen-Camp am Rand der Sahara. Es ist kalt, der Himmel von einem schwarzen Blau.

Ich bin durch den rutschenden Sand auf eine Düne gekraxelt und beobachte die unruhigen, mageren Hunde mit ihren langen, schmalen Pfoten, die unserer kleinen Karawane gefolgt sind. Sie spielen lautlos miteinander. Freundliche Beißerei. Einer kommt und lässt sich neben mir nieder.

Die vornehm mürrischen Dromedare lagern in einer Senke. Wirklich wild ist hier wenig. Erst als ich über den Dünenkamm klettere und auf der anderen Seite im Sand herunterrutsche, wird die Stille tiefer, die Nacht finsterer. Es wäre einfach, sich zu verlaufen. Jesus lebt in der Wüste. 40 Tage, 40 Nächte. Mit den wilden Tieren.

Jesus lebt in meiner inneren Wüste, und die wilden Tiere meines Herzens sind ihm nicht fremd. Die kleinen und großen Angsttiere, die Depressionslöwen, die Wut- und Zorngazellen, die Geier, die fressen, was tot ist, und all die anderen ungezähmten Wunderwesen. Hoffnungsflöhe inklusive. Jesus lebt mit ihnen, Jesus lebt mit mir in meiner Wüste - und die Engel dienen ihm, erzählt das Markusevangelium. Welche Engel mögen das sein?

„Yalla, Yalla!“, ruft der Guide und treibt uns zur Eile an. Ein Dromedar nach dem anderen erhebt sich schwankend. Unsere Schatten sind riesig auf dem roten Sand. Zwischen Himmel und Erde erwacht eine flimmernde Hitze.

„Jesus lebt. In der Wüste“, erzählt das Markusevangelium. Mit den wilden Tieren. Und die Engel dienen ihm. Ihre Botschaft in vier Worten: „Fürchte dich nicht. Weitersagen.“

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)

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