Die Mäntel der drei Weisen

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/wort-zum-tage/14862/die-maentel-der-drei-weisen

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Julia Rittner-Kopp

aus München

Die Mäntel der drei Weisen 18.02.2025

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen:

Es waren einmal drei weise Männer. Die waren so weise und so weit fortgeschritten in ihrer Art, ein weises Leben zu führen, dass sie ganz wundersame Dinge tun konnten. Sachen, die unsereins nicht gelingen.

Jeden Tag gehen die drei runter an den See zum Schwimmen. Am Ufer entkleiden sie sich und hängen ihre Mäntel - in den Wind. Einfach so. Mantel für Mantel schwebt lässig und zuverlässig an der Wind-Garderobe. Und hält. So ist es immer.

Eines Tages kommen die drei wieder zum See, ziehen ihre Mäntel aus und hängen sie wie gewohnt in die Luft und steigen ins Wasser. Da sehen sie, wie ein Silberreiher einen Fisch fängt. Der Fisch glänzt und zappelt im Schnabel des Vogels. Gleich wird der Silberreiher ihn fressen.

Da sagt der erste Weise: Böser Vogel, lass den Fisch los! Und – wusch – fällt sein Mantel zu Boden.

Der zweite Weise sagt: Armer Fisch, aber der Vogel muss ja seinen Hunger stillen. Wusch – auch sein Mantel löst sich und fällt zu Boden.

Und der dritte Weise? Auch er sieht, was geschieht, sieht den Fisch, den Vogel, schaut ihnen nach und schweigt. Der Mantel des dritten Weisen bleibt im Wind hängen.

Eine Geschichte vom Schweigen, wo es nichts zu sagen gibt. Eine Geschichte vom Deuten und Verstehen-Wollen, wo es nichts zu verstehen gibt. Eine Geschichte vom Sinnvollen: Hunger stillen. Und vom Sinnlosen: gefressen werden.

Die ersten beiden Weisen aus der Geschichte beurteilen das, was vor ihren Augen geschieht. Sie greifen nicht ein. Sie retten den Fisch nicht. Alles geschieht trotzdem.

Der dritte Weise nimmt wahr. Man muss nicht alles kommentieren. Unterscheiden, ja. Wann ist es wichtig, eine Meinung zu haben, sie zu äußern – wann nicht.

Schweigen, wo es nichts zu sagen gibt, ist mehr als einfach nur Klappehalten. Wir können nicht immer einen Sinn bemühen. Nicht alles erklären, verstehen, einordnen, beurteilen... Wer in seinem Leben einen schweren Verlust erlebt, braucht keine Kommentare.

Da geht es darum, den Wahnsinn des Schmerzes ernst zu nehmen. Er ist viel zu groß für unsere Worte. Und es gibt so viele gute Worte und Sprüche. Aber das mit dem Silberreiher und dem Fisch geschieht halt trotzdem. Und viel Schlimmeres, wirklich Sinnloses.

Schweigen – nicht verstummen. In der Bibel steht: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“ (Jesaja 30,15).

Es gilt das gesprochene Wort.

Anmerkungen:

(1) Die Geschichte ist frei nacherzählt, inspiriert von Reiner Kunze, Wo Freiheit ist…Gespräche 1977-1993, S. Fischer, Frankfurt a.M., 1994

Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)

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