Die Welt enthassen

Shownotes

Die Andacht zum Nachlesen und -hören gibt es auch hier inklusive Download: https://rundfunk.evangelisch.de/wort-zum-tage/14865/die-welt-enthassen

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Julia Rittner-Kopp

aus München

Die Welt enthassen 21.02.2025

„Niemals wird es uns gelingen, die welt

zu enthassen.“

So fängt Reiner Kunze vor fast 30 Jahren eines seiner Gedichte an. Knapp, sachlich, nüchtern. Ich finde, es klingt nicht traurig. Es klingt realistisch: Nein, es wird uns nicht gelingen, die Welt zu enthassen. Trotzdem regt sich in mir Widerspruch. Ich will doch genau das: Gemeinsam mit anderen die Welt enthassen. Seit Jahresbeginn habe ich das so oft gedacht, ach, und vorher auch. Ich muss die Bundestagsdebatten und politischen Gründe gar nicht alle aufzählen.

„Enthassen“ – das Wort gibt es gar nicht. Es ist aber sofort klar verständlich. Wie ent-wirren, ent-kalken. Den Kalk entfernen aus dem Wasserkocher, damit der Tee wieder schmeckt. Das Kuddelmuddel von Kabeln entwirren und sortieren – und dann kann ich Handy und Bluetoothbox wieder aufladen.

Enthassen, dann kann man wieder – ja, was eigentlich? Frei atmen, angstfrei leben. Selbstverständlich mit der Kippa auf dem Kopf durch die Straßen laufen, als muslimische Studentin entspannt das Kopftuch tragen, als Person of Colour nicht aus Vorsicht die Straßenseite wechseln, als schwules Paar keinen hässlichen Spruch befürchten müssen, als Mädchen mit Trisomie 21 dazugehören – überall.

Wenn es uns doch gelingt, die Welt zu enthassen. Wenn wir es wenigstens versuchen. Das gilt auch für die digitale Welt, wo alles so schnell geht. Hetzen und hassen sind verwandte Wörter. In der Vogelkunde bedeutet hassen auch so etwas wie: sich stürzen auf. Wir haben in den letzten Wochen so oft das Wort „Hass“ gehört. Auch unausgesprochen. Im Wahlkampf. Bei den Demonstrationen und Kundgebungen im ganzen Land. Auf Social Media.

In der Bibel steht: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm und ihr. Ich ergänze: Wer in der Liebe bleibt, hilft, die Welt zu enthassen.

Danke, Reiner Kunze, dass Sie dieses Wort erfunden haben. Es hat schon jetzt das Zeug zu meinem Wort des Jahres.

„Niemals wird es uns gelingen, die welt

zu enthassen.

Nur dass am ende uns nicht reue heimsucht

über nicht geliebte liebe“.

So geht das ganze Gedicht. Am Ende wäre nicht geliebte Liebe – oh ja, das würde ich bereuen. Und die nicht gewürdigte Würde aller Menschen. Ich bin davon überzeugt: Wir müssen es versuchen, die Welt zu enthassen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literaturangaben:

(1) Reiner Kunze, SCHNELLE NACHTFAHRT, ein tag auf dieser erde. gedichte, S. Fischer, Frankfurt am Main, 1998, S. 25.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)

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