Auf großem Fuß
Shownotes
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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur
Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit
aus Berlin
Auf großem Fuß 06.03.2025
In vielen evangelischen Kirchen scheint das ganze Jahr Fastenzeit zu sein. Jedenfalls was Öffnungszeiten und Inneneinrichtung anbelangt. Die Kirche ist offen während der Gottesdienstzeiten, sonst steht man meist vor verschlossenen Türen. Und drinnen ist die Inneneinrichtung eher karg, anders als in katholischen Kirchen, seit die Reformation Bilder und Statuen in Gotteshäusern nicht mehr haben wollte.
Ausnahmen aber bleiben. Die Stadt Havelberg zwischen Berlin und Schwerin verfügt über eine besondere Sehenswürdigkeit: den Havelberger Dom. Er liegt auf einem Hügel – hoch und erhaben an der Straße der Romanik mit Blick auf Wiesen und Wasser. Weil viele Touristen kommen, ist er täglich geöffnet.
Das Gotteshaus war einst Sitz eines Prämonstratenser-Ordens. Darum beherbergt der Dom zahlreiche Kunstschätze, auch ein Triumphkreuz. Das schwebt ganz oben: Christus am Kreuz, zu seinen Füßen auf der einen Seite seine Mutter Maria, auf der anderen sein Lieblingsjünger Johannes. Eine Postkarte von diesem Kreuz steht seit meinem letzten Besuch auf meinem Nachttisch, weil mich seine Darstellung so berührt hat.
Die Figuren hängen so weit oben, dass man Details mit dem bloßen Auge von unten nicht erkennen kann. Auf der Postkarte aber wird deutlich: Im Verhältnis zum Körper sind Kopf und Füße des Lieblingsjüngers deutlich zu groß geraten. Etwas Kindliches hat dieser Johannes, der seinen Kopf traurig und nachdenklich zur Seite neigt. Die nackten Füße ragen unter dem Gewand hervor – ein paar Nummern zu groß eben.
Das Bild rührt mich wie dieser Lieblingsjünger ohnehin: Er sucht die Nähe zu Jesus, nicht nur in der Nachfolge und in der Bewunderung, nicht nur im Hören auf seine Predigt und Lehre, nein: Er folgt ihm mit dem Herzen. Sogar bis unters Kreuz. Er sucht Jesu Nähe und er braucht sie – fast wie ein Kind, das sich an Vater und Mutter schmiegt.
Das täte ich auch manchmal gern – erst recht in diesen unruhigen Zeiten. Jesus zum Anlehnen – das Bild hat etwas Tröstliches. Und gleichzeitig hat dieser Johannes, der da oben im Havelberger Dom schwebt, etwas Unvollkommenes. Die Maße sind nicht perfekt. So wie Menschen eben nicht perfekt sind in dem, was sie sind und was sie tun. Nicht einmal ein Lieblingsjünger.
Unsere Zeit trägt viel Passion in sich. Da hat dieses Triumphkreuz etwas Tröstliches für mich: die Gewissheit, Jesus ist da in dieser Welt, auch wenn sie leidvoll ist. Und Liebe und Zuneigung bleiben, auch wenn Menschen unvollkommen sind wie dieser Johannes mit zu großem Kopf und zu großen Füßen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)
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