Wut am Krankenbett

Shownotes

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Ulrike Greim

aus Erfurt

Wut am Krankenbett 18.03.2025

Er liegt an Drähten und Schläuchen. Auf einem Monitor piepst es, Amplituden zappeln, bunte Linien flackern. Zahlen leuchten auf. Vitaldaten. Ja – er lebt noch.

Es ist das Bett nebenan. Ich bin zu Besuch. Sitze auf dem Besucher-Stuhl. Und natürlich fällt der Blick auf das, was da piept und zuckt. Privatsphäre ist im Vierbett-Zimmer in der Klinik nicht so ausgeprägt.

Wir kommen ins Gespräch. Pankreatitis. Entzündung der Bauchspeicheldrüse.

Ja, gut, immer wieder mal ein Schnäpschen über den Durst. Das habe man sich doch verdient, sagt er – vermeintlich humorvoll. Aber dass gleich so was kommt. Er habe noch nie solche Schmerzen gehabt.

Immer ein paar Sätze, dann dämmert er wieder vor sich hin.

Ein paar Schnäpschen – das ist klassisch untertrieben. Ich google es. Da muss es um richtig viel Alkohol gehen. Und um längere Zeit, bis der Körper so streikt. Bis die Organe derart um Hilfe schreien.

Am nächsten Tag wird unser Gespräch existenzieller. Also wo ich doch nun von der Kirche sei, da hätte er eine Frage. Ob der da oben noch alle Tassen im Schrank hat. Kann so was nicht mal die treffen, die es verdient hätten – Kriegstreiber, Kinderschänder. Aber doch nicht ihn!

Ich merke, dass ich wütend werde. Den Höchsten in Haftung nehmen für das, was man selbst verursacht hat, das geht mir zu weit. „Nun, es ist ihr Bauch“, sage ich. „Nicht Gottes Bauch. Die Verantwortung können sie nicht abgeben.“ Ich sehe, dass er mit der Antwort nicht zufrieden ist. Aber ich kann nicht anders. Er dreht sich zur Seite.

Ich lese Gottes Anweisungen in der Bibel so, dass ich meinen Körper und meine Seele ernst nehmen soll. Sogar für heilig erachten. Denn Gott selbst will darin wohnen. (1. Kor 6,19) Diese Aufmerksamkeit kann ich nicht delegieren. Ich bin für mich zuständig. Ich kann mir wohl helfen lassen, aber hoffentlich nicht erst, wenn etwas akut ist.

Ich weiß, die Sache sieht anders aus, wenn jemand alkoholkrank ist. Der kann nicht anders. Ab da schweige ich still. Da wünsche ich jedem maximale Hilfe. Aber das wünsche ich sowieso. Und auch da lese ich die Bibel eindeutig: Gott lässt dich nicht fallen, wenn du fällst. Ob selbstverschuldet oder nicht.

Seine Liebe trägt erstaunlicherweise alles.

In jedem Fall habe ich leicht reden als diejenige, die als Besucherin am Klinikbett sitzt und nicht drin liegt, von Fieber ermattet und an Schläuchen. Ich leide mit. Auch, als das Bett am nächsten Tag leer ist, weil der Patient auf die Intensivstation gekommen ist. Gott stehe ihm bei.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)

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