Der Gott der weißen Männer

Shownotes

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Wort zum Tage im Deutschlandfunk Kultur

Ulrike Greim

aus Erfurt

Der Gott der weißen Männer 20.03.2025

Irgendetwas passt hier nicht. Wir sitzen in einer Kirche und hören einem Chor zu. Er singt alte Verse: „Nach dir, Herr, verlangt mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.“ Psalm 25.

Es klingt wunderbar. Schöne engagierte junge Menschen. Gut gekleidet, wohlerzogen. Und das Publikum ebenso. Wohlsituierte Menschen, gebildet, gefühlt alle aus sicheren Verhältnissen. Mich eingeschlossen.

„Lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.“

Wer singt das? Wir hier eher nicht. Es sind nicht unsere Verse. Wir haben sie überliefert bekommen, aber wir sind abgesichert. Uns passiert so schnell nichts. Gut, man weiß es nicht. Aber für den Moment.

„Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend“, singt der Chor. „Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!“

Szenenwechsel.

Die Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder, an der mexikanischen Grenze. Sie haben alle Dokumente beigebracht, sie haben alle Behördengänge erledigt, sie warten nur auf den Termin bei der Einwanderungsbehörde. Das ist ihre letzte Hoffnung. Sie hatten doch schon online den Termin bekommen. Aber der ist auf unbestimmte Zeit verschoben.

Zurück können sie nicht. Alles verloren. Sie können nur nach vorn. Sie sitzen im Übergangscamp und warten. Sie haben die Meldungen aus dem Weißen Haus gehört, aber werfen trotzdem die Hoffnung nicht weg. Das wird schon klappen. Doch, das muss. Sie warten und beten. „Nach dir, Herr, verlangt mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.“

Worte aus dem Herzen. Geliehen bei König David. Gebetet in der Verzweiflung. „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!“

Der Gott der weißen Männer im Oval Office – kann der hören? Oder reicht es, dass sich einige wenige selbst Gott genug sind?

Wohl dem, der einen Gott über sich weiß, der gütig und gerecht ist – wie im Psalm 25. Einer, der leiten kann – der die Wahrheit nicht dreht und wendet, wie er es braucht, sondern der die Wahrheit ist. Und der im Gespräch ist mit allen, für die er Verantwortung trägt, weil er sie liebt. Der hinhört und ermuntert, fürsorglich ist und zugewandt, der Wege zeigt.

Wer sich selbst Gott genug ist, bleibt einsam und wird unweigerlich schuldig.

Ich werfe meinen Glauben in die Waagschale für die Familie im mexikanischen Flüchtlingscamp: Gott, mache dich auf, den Bedrängten zu helfen. Beeile dich. Fege den Hochmut hinweg. Und bring zu ihrem Recht die Gedemütigten.

Es gilt das gesprochene Wort.

Redaktion: Pfarrer Martin Vorländer (martin.vorlaender@gep.de)

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